Der Anfang vom Ende – der Bequemlichkeit

Also ich bin bis vor – na sagen wir 15Jahren – gerne Auto gefahren, habe billiges Tierfleisch gegessen und billige Klamotten gekauft. Meinem Kind hat es geschmeckt und darauf kommt es an. Für Luxusschnulli wäre kein Geld da gewesen und wenn ich auf meine Einkäufe geachtet habe und mal auf die Inhaltsangaben geschaut habe, dann war es meistens um den Fettgehalt ab zu checken, weil ich – obwohl das Geld knapp war – es immer wieder geschafft habe mir eine beachtliche Hosengröße anzufressen.

Ich habe zusammen mit Kumpels in unserer Kneipe gesessen, fröhlich Kette geraucht, die wichtigsten Themen waren Musik, unsere Kinder unser Liebesleben und wer in welchem Zustand die letzte Party verlassen hat. Wenn Öko-Antje durch die Türe gekommen ist, mit ihrer Cordschlaghose und langen Achselhaaren, dann habe ich wie alle gelacht. Öko war für uns Öko-Antje, mit der wollte sich keiner auf eine Stufe stellen – mit der bekloppten Kuh, Rock über der Hose, Palituch und wenn sie auf dem Klo war, riecht es komisch – scheiß Vegetarier. Trotzdem hatte sie immer einen Platz an unserem Tisch, denn es war ein beruhigendes Gefühl, dass wenigstens Antje die Welt retten wollte – so konnten wir nach Herzenslust rumsauen. Antje in ihren WG Butze, der kargen Ökoklause, mit Holzofen und Doppelglasfenster macht sich Gedanken für uns alle.

Dann kam der schönste Mann der Welt. Ich steh auf Vollbärte und das gepaart mit langen Haaren; dafür gehe ich gerne den ein oder anderen Kompromiss ein.

Zwangsläufig musste ich mich mit dem Ökothema auseinander setzen, denn der schönste Mann der Welt ist in Antjes WG gezogen und war noch grüner als sie. Also hab ich mich auf den Weg gemacht, Sakrotantücher und ein Snickers im Gepäck, denn der schönste Mann der Welt lud mich ein auf einen Chai den er eigens während einer Rucksack-Tour durch Tibet auf einem kleinen Markt von Einheimischen erstanden hat. Ich trank Tee wenn ich mir eine Erkältung eingefangen hatte und zwar den aus guten, alten Beuteln. Losen Tee hatte ich zwar auch, denn Tee aus kleinen Teelädchen ist das was Frauen zum Geburtstag bekommen, wenn sie sich von Leuten beschenken lassen die keine Lust haben sich Gedanken zu machen.

Aber jetzt sollte es Chai sein.

Also bin ich in das wiederlichste, nach katzenscheiße stinkende Haus in der ganzen Stadt gegangen, den man wohnt im Altbauviertel. Renoviertes kann und will man sich nicht leisten, denn in diesen totsanierten Häusern wohnen nur Kapitalisten und andere Ärsche.

Mit Kapitalisten meinen wir hier übrigens alle Menschen die am Ende des Monats noch mit Karte bezahlen können ohne Schweißausbrüche zu kriegen.

Im Flur stand ein Kühlschrank, blaue Flüssigkeit in einer Pfütze rundherum. „He – wollt ihr den nicht mal abholen lassen?“ „Nö – den wird schon irgendjemand mitnehmen, der funktioniert noch ein bisschen.“

In der Wohnung stehen alle Türen auf, man kann in jedes Zimmer sehen. Das Bad ist zum davonlaufen keimig. Hoffentlich muss man von Chai nicht genauso oft aufs Klo wie von gewöhnlichem Tee. Für alle Fälle habe ich ja meine Tücher mit.

Auf dem Waschbecken steht ein Plastikfläschchen. So was benutze noch nicht mal ich.

„He, ihr nehmt ja Flüssigseife.“

„Ja, richtige Seife ist zu umständlich.“

„Nanu, sind ja keine Energiesparlampen.“

„Nö- die machen scheiß Licht.“

„Ähem – läuft da ein Fernseher im Nebenzimmer?“

„Ja, Antje vergisst den immer aus zu machen, die guckt morgens immer Nachrichten (auf Pro7)“. Als das geklärt war wurde ich in Augenschein genommen. Gekonnt lasziv räkelte ich mich auf der Matratze die als Sitzgelegenheit auf dem Küchenboden lag und ziemlich schnell saß ich wieder aufrecht, den Hals ganz lang gemacht, damit die Nase in maximaler Entfernung über der Handgewebten Decke aus Mexiko ist, die die Matratze zum Sofa machen sollte. Die Mühe die ich mir gemacht habe um anziehend zu wirken kam nicht so an. Im Gegenteil, angesichts meiner sauberen Jeans und meines Flauschepullis wurde über mein Konsumverhalten gelästert. Obwohl all meine Sachen (außer Unterwäsche natürlich) aus dem An- und Verkauf waren. Das knallrot meine Lieblingsfarbe war und ich weiße Hemden und Schuhe mit Absätzen liebte, reichte dem schönen Mann um mich der absoluten Oberflächlichkeit zu bezichtigen. Jute ist zu kratzig und Leinen wird zu schnell knitterig. Egal. Das wars dann auch. Ich Tussi!

Sowieso habe ich viel zu klein gedacht. Was interessiert mich ob jemand flüssige Seife nimmt, solange noch Autos fahren? Erstmal im Großen an die Sache ran gehen und wenn dann die Konzernschweine richtig grün werden, dann ziehen wir nach. Und der Müll wir auch erst getrennt, wenn es 1000% fest steht, dass es nicht alles zusammen geworfen wird. Ich saß zwischen Kissen auf denen vorher inkontinente Katzen und Wiesel lagen und dieser Komposthaufenöko labberte mich zu. Trotzdem kam er immer näher, sodas ich die Schuppen auf seinem Scheitel sehen und seine Haut riechen konnte. Ein bißchen nach Zwiebeln und saurer Milch.Um es kurz zu machen, ich hab das recht rasch ab gebrochen.

Am nächsten Tag habe ich Öko-Antje an unseren Kneipentisch gebeten und wir hatten lange Unterhaltungen darüber, wie ich mir richtige Ökos vorstelle. Antje meint ich würde das zu verbissen sehen. Man kann doch nicht an jeder Baustelle arbeiten, erst mal eine Sache abarbeiten und dann die nächste anfassen. Die Prioritäten werden von einer gut organisierten grünen Studenten Organisation gesetzt, da trifft man sich mindestens einmal die Woche und dann wird sich ausgetauscht. Da wird dann über verschiedene Sachen geredet. Welche Läden zu boykottieren sind, welche Konzerne mit Protestbriefen zu bombardieren sind oder in welcher Einkaufspassage man die meisten Unterschriften bekommt. Wenn man sich so für eine Sache einsetzt, dann bleibt eben keine Zeit mehr den Müll zu trennen.

„Gut“ hab ich dann gesagt „ihr bringt nicht. Ich glaube ich muss irgendwie selber Öko werden, auf euch ist kein Verlass.“ Ich bin nach Hause gegangen um für mich und mein armes Kind ein paar Regeln zu backen. Wie ich mein Leben nachhaltiger und ökologischer gestalten könnte. Das hat dann auch bald ganz gut funktioniert. Das eine mehr, das andere weniger. Wenn man einmal anfängt sich mit diesem Thema zu beschäftigen, dann nimmt das irgendwie kein Ende. Das schwierigste daran ist der Kampf mit dem eigenen Schweinehund. Der saß mir im Nacken und versuchte mir beharrlich Augen und Ohren mit seinen großen Stinkepfoten zu zu halten. Er säuselte mir ins Ohr und versuchte mich davon zu überzeugen das ich eh nichts ändern könnte. „Komm lass die Eier aus Freilandhaltung stehen und kauf lieber Käfighaltung. Dann haben die Hühner nicht umsonst gelitten und wir haben noch Geld über für ein zweites Bier, den auf einem Bein kann man nicht stehen.“ so oder ähnlich argumentierte er. Gelegentlich agiere ich auch recht langsam, da ich teilweiße einarmig arbeiten muss um meinen Schweinehund im Schwitzkasten halten zu können. So kämpfte ich mich durchs Leben immer den greinenden zweiten Teil von mir an der kurzen Leine, der doch gar nichts böses wollte nur das Maximum an Bequemlichkeit.

Mein Schweinehund lag irgendwann in einer ziemlich kleinen Ecke in meinem Kopf, sah eine Sponge Bob Serie nach der anderen und stopft sich mit Kartoffelchips voll. Voller Stolz wollte ich mein neues Öko Ich präsentieren und was musste ich merken. In meiner Familie und in meinem Freundes, sowie Bekanntenkreis und bei den Kollegen, alle hatten ihrem inneren Schweinehund das Ruder überlassen.

Da ich nun geläutert war, wollte ich alles dran setzen das zu tun was ich kann um meiner Tochter eine gesunde Welt hinterlassen zu können. Was in diesem Fall nur bedeuten konnte, meine Umgebung zu missionieren. Nur geht das in diesem Fall nicht mit weißem Priesterkragen und einem Sack voller Glasperlen. Steter Tropfen höhlt den Stein sagt man ja, somit wuchs mein Plan allen ständig gehörig auf die Nerven zu gehen, aber nicht zu gehörig, denn schließlich rede ich hier von Freunden, die es auch bleiben sollten. Und außerdem liegt mir nichts ferner als das Martyrium. Ich wollte auf keinen Fall eine zweite Öko Antje werden, weil ich einen gewissen Standard behalten und nicht stinken wollte und weil ich auch einem Teenager gegenüber Verantwortung hatte der einen gewissen Standard brauch um ein Kind wie alle zu sein. Offen gesagt, meine Tochter fand das Alles erst mal nur total bekloppt. Für sie war eine gesunde Welt eine Welt wo es günstige und angesagte Outfits gibt, egal wer die zusammen näht. Das hat sich im Laufe der Zeit natürlich auch geändert, ohne, dass ich ständig mit erhobenem Zeigefinger rumlaufen musste.

Plötzlich war ich also Öko-Tanja – allerdings mit rasierten Achseln und in der „Alternativen-Szene“ verschrien als die bekloppte Spießertussi, weil ich einen Schrebergarten hatte und z.B. Vollkornplätzchen selber backe – mit Transfairschokolade. Ich saß nicht mehr rauchend in Szenekneipen, ich hatte aufgehört damit. Also in Kneipen saß ich immer noch nur mit dem rauchen hatte ich aufgehört, aber das hat nichts mit öko zu tun, sondern war eigentlich mehr eine Protestaktion und meiner Tochter zu liebe.

Ich hatte Ökostrom und liebte es einkaufen zu gehen, ich trug knallroten Lippenstift, manchmal sogar beim Unkrautzupfen und ich fuhr mit dem Rad zur Arbeit und hinten im Körbchen lagen meine roten Lackstiefelchen mit hohen Absätzen. Ich war vielleicht auf den ersten Blick nicht als Öko zu erkennen, deshalb konnte ich mich leicht unter die anderen inneren Schweinehunde mischen. Und inzwischen – kenn ich sie alle. :o)

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