Die neue Leichtigkeit

Der schwere Weg zum Minimalismus

Ich war eigentlich ein Horter von Sachen. Bücher und Schildkrötenfigürchen, Räucherstäbchen, Bastelkram, CDs und DVDs, Steine und Muscheln, Wolle und Stoffreste und 1000erlei schönen Schnulli. In meinen Schrankwänden stapelten sich Projekte die ich irgendwann mal fertig machen wollte und eigentlich hätten meine Wohnungen explodieren müssen um mein ganzes Geraffel in Halle zu verteilen. img-20141003-wa0007Aber es fand sich immer noch ein Eckchen, wo man noch was verstauen konnte. Sehr zum Leidwesen derer die mir meinen zahlreichen Umzügen helfen durften. Eine 3 Raum Wohnung musste natürlich sein, mit Balkon, ganz klar. Ich durfte ja nicht in der Wohnung rauchen und Keller war auch immer dabei. Für einen großen Umzugskarton mit Weihnachtsdeko z.B.. Und das liebe Fräulein, liebte Youtube Videos, wo hübsche Mädchen irgendwelche Bastel und Dekotipps geben – eine Glasschüssel mit bunten Glasperlen, wo man seine Schminkpinsel rein stecken kann . Und ihr IKEA Prinzessinen Zimmer. Wir waren also recht normal. Viel Geld ausgeben bei Amazon oder mal in die Stadt gehen und bei Xenos ein Vogelhäuschen gekauft, dass man dann schön ins Wohnzimmer hängen kann um ein Teelicht rein zu stellen… (gnarf..)

Das hätte sich wahrscheinlich auch nie geändert, wenn das liebe Fräulein nicht plötzlich angefangen hätte Reiseblogs zu lesen. Anstatt ein „ich bräuchte noch dringend…“ schallte auf einmal ein „ich brauch das alles gar nicht…“durch die Wohnung und dann standen 2 blaue Säcke mit Klamotten im Flur, die sollten in den Altkleidersack. „Bist du Irre? Weißt du was das alles gekostet hat?“ schrie ich. „Ja, und ich wollte das alles haben und ich hatte viel Freude damit, aber jetzt brauche ich es nicht mehr und es liegt mir nur im Weg und ich werde es nie mehr tragen.“bekam ich zur Antwort. Und „Der ganze Mist der sich ansammelt, beschwert nur dein Leben, macht dich langsamer und hindert dich daran was anderes zu tun.“ Schlaue Worte, aber ich hatte die Panik, dass es alles nur eine Phase wäre und sie in einem halben Jahr wieder der Ansicht ist, man müsste doch schöne Klamotten haben und ganz viele Dinge. Also betrachtete ich sorgenvoll wie sie ihren Kleiderschrank verkaufte, ihre tolle Kommode und die Schneiderpuppe, die Billyregale – alles weg.

Zur gleichen Zeit war ich in der Ausbildung zur Yogalehrerin und sollte nun anfangen zu meditieren. Ging nicht. Meine Gedanken waren überwiegend damit Beschäftigt, wie und wann ich meine Sammlung, warten, instand halten und komplettieren kann. Die Schuppen sind mir von den Augen gefallen, als ich im Wohnzimmer saß, Kreuzbeinig auf meinem Tchibo Meditationskissen, mein Mala in der Hand hielt, voller Inbrunst „Om Gam Ganapataye Namaha“ chantete und plötzlich Schmutzspritzer auf dem Sockel meines weißen Einbauschrankes bemerkte. Alle Konzentration war am Arsch und ich dachte ferflixt, was ist überhaupt alles in dem Scheißschrank drin. Und damit hatte das liebe Fräulein dann angesteckt. Alles raus. Alle CDs digitalisiert und weiter gegeben, bis auf ein paar Ausnahmen (meine Scheibenwelt und Moers Bücher z.B.) wurden alle Bücher weg gegeben. Wer ließt schon einen Krimi zwei mal? Kleiderschrank weg. Auch das Oberteil, dass ich mir mal gekauft habe, weil ich damit fantastisch aussehe, wenn ich mit Mr. Right mal eine romantische Bootsfahrt mache. Die feine Spitze sah bei mir eh aus, als wenn ich Großmutters Nachthemd anhabe und weiß sollte ich eh nicht tragen. Ich trage eh immer das selbe und dass passt auch in die Kommode wo der Bastelkram drin ist. Wohin mit dem Bastelkram? Wegwerfen? Aber wenn ich dann Sockenpuppen basteln will? Das liebe Fräulein ist inzwischen schon 17 und brauch keine mehr? Aber vielleicht einen Kerzenständer aus Papmachee!!! Ich war da so ein bißchen Gollumartig und ohne das liebe Fräulein wäre ich auch auf meinen Schätzen sitzen geblieben. Völlig Mitleidlos schickte sie mich zu diversen Containern und als ich z.B. meinen selbstgestrickten Teppich in den Container brachte, war es als würde mir Shylock persönlich einen Pfund von meinem Fleisch nehmen. Ich stand mit dem stinkenden Teil in der Hand so lange vor dem Entsorgungsbehältniss, bis ein ein Passant fragte ob alles in Ordnung sei.

Kaum war der Teppich durch die Klappe gerutscht, wurde mir ganz leicht ums Herz, das Stinketeil war weg. Es hat einen ganzen Umzugskarton gebraucht.

Zwei mal standen wir sogar in Halle auf dem Flohmarkt.

Superviel ist durch ebay Kleinanzeigen weg gegangen. Ich brauchte Monatelang nicht an mein Konto, weil ich immer genug Bargeld in der Tasche hatte. Durch ebay bin ich auch an meine Gartenachfolger gekommen. img-20141009-wa0002Mein schöner Kleingarten. Aber wenn ich drin war, dachte ich dran was ich noch zu hause zu tun habe und wenn ich zuhause war, hatte ich schlechtes Gewissen, weil der Garten schon wie ein Dschungel aussah. Und ich war eh immer allein da, weil das liebe Fräulein den Garten nicht wirklich mochte. Und wenn ich eh bald aus Halle verschwinde, dann brauchte ich keinen Garten mehr.

Durch die ebay Kleinanzeigen lernt man auch ein paar unverschämte Arschgeigen kennen. Und Perverse. Also ich sag euch. Ein paar habe ich gleich wieder raus geschmissen. Eine vollkommen arrogante Dame kam mit ihren genauso veranlagtem Angetrauten, beklotzten meine schöne Schrankwand, jeder Kratzer wurde kritisiert und am Ende meinte sie, sie würde mir keine 50€ dafür geben, sondern nur 10, weil er a. Schon Gebrauchsspuren hat und b. Sie ihn für den Keller braucht und da will sie nicht so viel Geld ausgeben. Ich gehe demnächst auch in eine Boutique, nehme mir ein Shirt für 50€ und sage ab der Kasse, dass ich nur 10€ dafür bezahle weil ich das Shirt eh nur zum putzen anziehe, oder was?

Ich habe nicht diskutiert, sondern einfach die Türe aufgehalten. Einen Tag später war der Schrank trotzdem weg.

Und ein Typ hat immer wieder angerufen und gefragt wie alt ich wäre und ob ich single bin.

Die Wohnung wurde immer leerer. Das liebe Fräulein hatte in ihrem Zimmer nur noch Schreibtisch, Bett und 4 IKEA Kisten. Das Bett hätte sie fast auch noch verkauft, wenn ich nicht eingeschritten wäre. Wir haben dann fest gestellt, dass wir von unserer 3 Raum Wohnung nur ein drittel nutzen. Und da reifte die Idee, irgendwo ganz spartanisch in einem Abriss zu wohnen. In einem Gartenhaus, oder ein Haus besetzen. Ein Umzug musste sein, weil in der Wohnung hat es schon übelst gehallt. Wir beschlossen eine Einraumwohnung zu nehmen. Und ich sollte mir meinen Traum vom Bus erfüllen, dann könnte ich da drin schlafen, wenn das Fräulein mal seine Ruhe braucht. Das letzte Jahr wollten wir also ganz kuschelig in einem Zimmer verbringen. Na, das sollte was werden. Zwischendurch kamen immer wieder Zweifel.Als mein Esstisch mit den Stühlen raus getragen wurde, hab ich danach komplett die Nerven verloren. „Ich hab keine Stühle mehr zum drauf sitzen, wir werden nie wieder vernünftig am Tisch sitzen können…aaaaargh“ Das liebe Fräulein meinte nur „wenn du unbedingt an einem Tisch sitzen möchtest, dann gehen wir halt mal essen.“ Ja, wenn man über die Hälfte Miete einspart, dann kann man das mal machen.

Meistens hat es sich gut angefühlt. Zwei Tage vor dem Umzug hatte ich mein Bett verkauft. Ich wollte nur auf einem Reisebett liegen in der neuen Wohnung. Morgens ist jemand gekommen hat das Bett abgeholt und dann bin ich zur Arbeit gegangen. Bis 20 Uhr. Mittlerweile hatte ich vergessen, dass mein Bett weg war. Ich kam Abends dann nach Hause, wir erzählten noch und wenn das Fräulein und ich am schnattern sind, dann wird’s ja auch gerne mal ein bißchen später… und ich hab noch zwei Bier getrunken und dann hatte ich die richtige Bettschwere und dann mach ich die Schlafzimmertüre auf, voll mit dem schönen „Jetzt geht’s ins Bett“ Gefühl und ich sehe – Wollmäuse! Beim Fräulein durfte ich nicht schlafen und so musste ich wohl oder übel erst mal den Besen schwingen und dann auf meiner Iso Matte und ein paar Decken am Boden liegen.

Und da, das gebe ich ehrlich zu, habe ich nochmal ganz stark gezweifelt, ob das alles so richtig ist was ich tue. Der Umzug war anstrengend, aber wir waren auch nur zu zweit. Voll cool. Nur bei der Waschmaschine kam der Vater vom Fräulein, weil alleine beim Versuch das Teil anzuheben fast alle meine Organe in den Schlüpfer gefallen wären.

Den Rest den ich nicht mitnehmen wollte, stellte ich wieder zu ebay rein. „Wer mir hilft die Wohnung restlos leer zu räumen, kann dies und das haben und ich fahre es mit meinem Bus zu ihm nach Hause.“ Es waren noch alte Schränke und haufenweise speriges Zeug. Erst hat sich eine gemeldet, die meinte sie könnte nur die Blumenkästen gebrauchen, sie ist aber leider krank und kann mir nicht helfen, aber ich kann doch bitte die Sachen zu ihr bringen. (?!?) Als zweites hat sich dann eine Oma gemeldet, die fast eine halbe Stunde gebraucht hat um meine Treppen hoch zu kommen. „Wie soll denn das bitteschön gehen? Sie können doch kaum laufen?“ „Na vielleicht können sie ja auch mit tragen und kennen noch jemanden der mir das dann in die Wohnung trägt?“ Nein!!! Der Dritte war vollkommen irre. Er hat alles mitgenommen. Angebrannte Teelichter, aufgeweichter Rasenteppich, kaputte Schrankbretter. Aber er hat auch im Nullkommanix meinen Bus beladen. Als ich das Geraffel dann auf sein Grundstück gebracht habe, dachte ich, mich trifft der Schlag. Eine Messifamilie, wie aus dem Fernsehen. Aber meine Wohnung war leer, von daher alles gut. Erstmal. Wir konnten umziehen. Meine 7. Wohnung in Halle. Und diesmal wirklich, wirklich die Letzte.

6 Gedanken zu “Die neue Leichtigkeit

  1. Wow, toll! Und sehr mutig. Hat Spaß gemacht zu lesen, danke. 🙂 Wie lange ist das nun her und wie gefällt es euch? Superspannend.

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