Föhr immer dein…

Jeder der mich ein bißchen kennt, der wusste, dass es mich immer ans Meer gezogen hat. Deswegen war der Plan, sobald das liebe Fräulein aus dem Haus ist, dann geh ich ans Meer. Am liebsten auf eine Insel. Warum es aber Föhr geworden ist, dass wussten die Wenigsten. Das kam nämlich so… 2014, das Jahr der Katastrophen, hatte ich die Nase gestrichen voll. Seit 1996 wohne ich in Halle an der Saale. Im Osten. Hier habe ich all meine Arschengel getroffen. Mein kleines, armes Wessiherz ist so oft durch den Fleischwolf gedreht worden, und ich bin menschlich so oft enttäuscht worden, dass ich nur dachte, ich muss hier raus. Raus ausm Osten und nie wieder zurück. Und da ich ans Meer wollte, kam die Ostsee natürlich nicht in Frage. Also blieb für mich nur die Nordsee. Und dann recherchiere ich so; Borkum und Juist fand ich gut und dann fiel es mit wie Schuppen aus den Haaren (flacher Witz, ich weiß) also plötzlich sah ich; das war ja alles OSTfriesland. Kam somit für mich nicht mehr in Frage. Also sollte es Nordfriesland sein. Sylt, Amrum oder Föhr. Föhr machte Werbung mit „Friesische Karibik“ und ich dachte „Prima, wenn ich denn da oben wieder einen Garten haben will, ist die Friesische Karibik wohl das Beste für Artischockenanbau.“ Und das war es. Eine 5 Minuten Idee, ausgebrütet im Schmollwinkel.

Föhr. Nie dagewesen, aber trotzdem Föhrliebt. (Diese Wortspiele findet man überall. Man kann sich auf Föhr Föhrsichern lassen, vollkommen Föhrrückte Dinge tun und sollte aber immer schön Föhrsichtig fahren. Die Mutter meiner Mitbewohnerin hatte am Auto einen Föhrari Aufkleber)

Dann habe ich die Facebookgruppe „Jobs auf Föhr“ gefunden, habe dort eine Anfrage gepostet, auf die hatte sich jemand gemeldet. März 2016 bin ich dann zum ersten mal mit meinem Auto auf der Fähre gewesen um über zu setzen. Ich durfte die Insel 2 Tage erkunden, habe dann meinen Arbeitsvertrag unterschrieben und war quasi damit am Ziel meiner Wünsche. Auf dem Rückweg hab ich abwechselnd geweint und gelacht, weil ich es nicht fassen konnte. Ende Juni wohne ich auf einer Nordfriesischen Insel. Nur der Hund und ich im Bus.

Am 19.6.2016 sind Hund und ich im Bus auf die erste Fähre gefahren und waren dann früh morgens auf der Insel. Ich war innerlich noch zerfetzt, weil mir der Abschied von meinem geliebten, lieben Fräulein unendlich schwer gefallen ist. Zur Hälfte war ich also noch in Halle.

Ich hatte ja vorher schon eine ganze Weile im Bus gewohnt. Und ich hatte mir gedacht (ich werde jetzt gerade rot, wenn ich daran denke, dass ich das echt gedacht habe) ich wohne im Bus so bis Ende September und ab Oktober wird sich schon eine Wohnung finden, vielleicht eine Ferienwohnung, so ganz spartanisch, mit Holzofen. Und ich war ja der img-20160707-wa0002absolute Norseekrimifan. Hatte ich nicht an die 100 Bücher auf meinem ebook? Ich wusste also wie es ab geht. Man stellt sich in eine Straße und wartet bis die Spurensicherung eine Wohnung frei gibt. Nach ein paar Regentagen, als ich anfing zu rosten und ich schon wieder um 18 Uhr schlafen gegangen bin, weil es im Vito einfach mal an Platz mangelt und man die Türe nicht aufmachen kann, weil einem sonst alles raus geweht wird, dachte ich: Nee, das kanns nicht sein. Dann hatte ich in einer Föhrer Gruppe um ein WG Zimmer gebettelt. Und am selben Tag hatte ich mir ein Zimmer unterm Dach angeguckt und am nächsten Tag bin ich eingezogen. Dann wohnte ich plötzlich in Borgsum. Für kurze Zeit. Denn meine Vermieterin und Mitbewohnerin, hatte das Zimmer eigentlich ihrem besten Freund versprochen, der aber im Juli noch das ein oder andere zu tun hatte und deswegen erst im August zu ihr ziehen wollte. Weil ich ein Glückskind bin, durfte ich dann doch noch einen Monat länger dort wohnen. Es war eine tolle Zeit.

Zum Einzug ist soviel zu sagen, als ich Bescheid sagte am kommenden Tag einziehen zu wollen und fragte ob sie dann zu Hause ist, kam nur ein trockenes „Ne, ich bin noch auf Arbeit, aber der Schlüssel steckt immer.“ Das sagt schon viel über Borgsumer aus. Die Türen sind offen. Fahrräder werden nicht abgeschlossen und man sieht sogar Autos mit Schlüssel im Schloss auf Parkplätzen stehen. Für mich, nach fast 20 Jahren Halle war das recht ungewohnt.

Die Geborgenheit von 4 Wänden und einem Dach überm Kopf ist doch ist noch gemütlicher, wenn man vorher einen Monat im Freien gewohnt hat. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, den Regen gegen die Fenster klatschen hörte und sah wie der Wind die Bäume durchschüttelte, war ich so dermaßen froh. Dann bin ich im Schlaganzug aufs Klo gegangen. Und es war toll. Immer noch im Schlafanzug hab ich mir Kaffee gemacht. Ohne Regenjacke und Gummistiefel!!! Noch Wochen später habe ich in mich reingekichert wenn das Wetter nicht so toll und ich drinnen war.

Die Arbeit für die ich auf Föhr gezogen bin, war schlichtweg ein Schlag in die Fresse. img-20160702-wa0002Sechs Tage um 5 Uhr aufstehen und nur Dienstags frei. Das Gesellschaftliche Leben ist an mir vorbei gezogen und selbst wenn ich Leute gekannt hätte, wer geht schon am Montag Abend weg? Und dazu war ich eigentlich eh viel zu müde. Und Dienstag war ich dann im Waschsalon, meine Arbeitsshirts und Schürzen waschen, ein bißchen einkaufen und durch Wyk bummeln und das war es auch schon. Wenn meine Schwestern mit ihren Familien nicht auf Föhr nacheinander Urlaub gemacht hätten, wäre ich bestimmt vereinsamt. Noch schlimmer war, dass ich in der Küche nichts selbstständig machen durfte. Alles war 100% vorgegeben. Obwohl man wusste, dass ich Veganerin bin und es vorher anders abgesprochen war, musste ich plötzlich Wurstplatten legen, Lachs schneiden und Eier kochen. Das Arbeitsklima war das schlimmste was ich bisher erleben durfte. Ich hatte Alpträume in denen ich aus versehen seinen scheiß Kaffeevollautomaten habe hinfallen lassen. Nach ein paar Wochen die ich wie unter Schock vor mich hin gearbeitet habe, dachte ich: Dafür habe ich doch nicht meine Freunde und Kollegen aufgegeben, dafür habe ich doch nicht alles hinter mit gelassen. Aber im Hinterkopf hatte ich ja immer dieses „Du brauchst den Job, du bist darauf angewiesen“ aber dann dachte ich – zum Teufel. Ich bin ja nicht auf Föhr gekommen um hier zu arbeiten, sondern ich arbeite hier um auf Föhr sein zu können. Aber auf Föhr war kein Platz für mich. Es ist fast unmöglich eine normale Wohnung zu bekommen. Hier wird jede Besenkammer an Touristen vermietet. Kann ich verstehen, jeder will ein Stück vom Kuchen ab haben. Aber wenn jemand einfach nur arbeiten will und nicht 2/3 vom Gehalt für eine Einraumwohnung ausgeben will, dann hat er hier schlechte Karten. Also – Föhr ist wunderschön. Aber nicht für mich. Als meine Chefin mal wieder ganz schlimm unter PMS litt und sich an mir abreagierte hab ich dann gesagt: „Es tut mir leid, dass es nicht harmoniert. Ich hoffe du hältst es noch ein bißchen aus. Ich kündige zu Ende September.“ Na da aber. Ob mir die Arbeit zu schwer wäre? Nein, es ist das miese Verhalten. Das ist aber bis zum Ende nicht in die Köpfe gegangen. Zwar wurde es danach besser, aber zwischendurch kamen dann so ein paar Ausbrüche, dass ich dann beide ran genommen habe nach Feierabend und gesagt habe, da ich mir zu viel ärgern würde, wollte ich von meinem 14 Tägigen Kündigungsrecht gebrauch machen. Natürlich bin ich bis zum letzten Tag gegangen und habe auch alles gegeben. Alles andere wäre schlecht fürs Karma geworden.

Wies so kommt, am Tag meiner Kündigung lernte ich jemanden auf Föhr kennen, der mir das Weggehen echt schwer gemacht hat. Leider ist es so, wenn sich ein Gedanke erstmal fest gesetzt hat, ist das eben so. Zumindest durfte ich Föhr nochmal von seiner schönen Seite erleben.

Und Föhr ist schön. Man findet selbst zur Hochsaison noch ruhige Ecken. Der Kopf wird einem hier frei gepustet. Die Friesenhäuser sind mit Rosenhecken umschlossen,

alles riecht nach Wildrosen. Wenn ich morgens mit dem Hund unsere Runde gegangen bin, konnte ich bis nach Amrum rüber gucken und den Leuchtturm blinken sehen. In Wyk gab es Softeis im Zimtmantel und in Nieblum eine Bonbonkocherei. In Alkersum ein tolles Museum und in Borgsum die Bäckerei mit leckersten Haferkeksen und das Letj Lembecks wo man als Veganer jetzt nicht so viel Auswahl hat, aber für Vegetarier durchaus eine Menge zu finden ist. Überall kann man Fahrrad fahren, bis einen der Po abfällt. Und Friesen sind echt nett. Manchmal überlege ich, ob ich hätte da bleiben sollen. Als ich wieder aufs Festland gefahren bin, habe ich die ganze Überfahrt geheult. Und noch ein bißchen länger, deswegen habe ich mich auch gleich mal verfahren. Aber egal.

Föhr hat einen Umfang von knapp 45 km und dort leben weniger als 9000 Menschen. Was sagt uns das? Richtig, selbst alle Einwohner zusammen ergeben keine Stadt. Und da sich dann alles noch in viele kleine Dörfchen unterteilt erst recht nicht. Trotzdem ist Wyk mit den meisten Einwohnern die „Stadt“. Schließlich haben sie da den Hafen und ein LIDL und noch vieles mehr. Aber es scheint tatsächlich so zu sein, dass die Städter auf die Dörfler runter gucken. Und da fängt es an witzig zu werden. Ich rief in der Volkshochschule in Wyk an, um dort zu fragen ob ich Yogaunterricht geben könnte. Die Dame freute sich sehr, meinte aber es wären keine Räume mehr frei. Ich fragte nach dem „Haus des Gastes“ in Nieblum und sie meinte (aufgepasst) „Ach, sie würden auch aufs Land fahren und das dort machen?“ Von Wyk nach Nieblum sind es ca. 5km. Ich erzählte ihr dann, dass ich aus Borgsum komme (noch mal 2 km weiter) und Nieblum keine Strecke wäre, weil ich auch jeden Tag mit dem Rad durch fahre. Sie meinte dann noch, dass es einen extra Topf geben würde, weil die Landbevölkerung ja nochmal besonders Förderfähig wäre.

Also echt. Aber im Heimathafen, da ist es schön, da kann man gut hin gehen und ich bin froh, dass mich mein Lieblingsfriese am vorletzten Abend da hin mitgenommen hat. Der erste Kneipenabend in der ganzen Zeit. Da werde ich jetzt gerade ein bißchen schwermütig wenn ich daran denke. Jetzt habe ich mir gerade auch noch Rotwein aufs Bett gekippt, na toll.

 

Also – fahrt nach Föhr. Keine Angst, Nordsee Krimis lügen. Lauft durchs Watt, sammelt Muscheln, esst ein Softeis und lutscht ein paar Bonbons. Fahrt Fahrrad und versucht die Hasen zu zählen. Lasst euch den Kopf frei pusten. Vielleicht kommen euch da auch noch mal ganz neue Ideen

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