Ein Jahr Einraumwohnung

Das letzte gemeinsame Jahr wollten das liebe Fräulein und ich also in einer Einraumwohnung verbringen.

Aus unser schönen geräumigen 65m² Wohnung mit Balkon wurden knappe 40m² ohne Balkon. Aus einem großen Wohnzimmer und zwei Schlafzimmern wurde ein großes Zimmer für uns beide.

Dann gab es eine kleine Küche mit einem kleinen Backofen und auch nur zwei Herdplatten. (Hier möchte ich nebenher erwähnen, dass ich JEDEN TAG frisch gekocht habe und eine Menge Kuchen gebacken habe. Trotz Miniofen)

Ein großes Badezimmer mit Fenster, unser Miniflur – Ende.

Da wir ja vorher schon alles entsorgt hatten, was nicht gebraucht wurde, hatten wir keine Platzprobleme, obwohl wir keinen Keller hatten. Das war schonmal komplett neu. Das Sofa stand in der Küche. Und die kleine Küche wurde tatsächlich unser Lieblingsaufenthaltsort. Ja ich hatte noch Bilder und Deko Kram, und ja ich hatte noch ganz viel unnützes Zeug. Aber erstmal war unsere Wohnung eingerichtet. Nur mit dem Nötigsten.

Jedes mal, wenn wir uns gezofft haben, wusste irgend ein Schlauberger, dass so was eben passiert, wenn man zu eng zusammen sitzt. Allerdings haben wir in der größeren Wohnung auch so oft gestritten. Nur wir hatten Türen zum knallen, zuhalten oder abschließen. Das was uns am meisten zu schaffen gemacht hat, war wahrscheinlich die Tatsache, dass wir plötzlich der Möglichkeit beraubt hatten uns gegenseitig einen Bären auf zu binden. Wie oft hatte ich mich zum lernen oder meditieren in mein Schlafzimmer verzogen um dann meine Zeit auf Youtube mit ein paar Folgen Southpark zu vertrödeln? Mindestens genauso oft wie das liebe Fräulein sich zum lernen auf ihr Zimmer verzogen hatte um genau das selbe zu tun. Natürlich habe ich jeden Tag meine 9 Sonnengrüße gemacht. Komisch, dass ich nach dem dritten den ich dann unter den strengen Augen des Fräuleins gemacht habe schon aus der Puste war.

Man kann sich also nichts mehr vor machen. Die Frage die uns wohl am meisten gestellt worden ist war: „Was ist mit Herrenbesuch?“ Nun, das war nie ein Problem. Ich habe immer gesagt, wenn das Fräulein einen Jungen kennen lernt, der sie nicht mit sich mitnehmen kann, weil er zusammen mit seinem Vater in einer Einraumwohnung lebt, dann nehme ich mir ein Hotel Zimmer. Und ich selber hatte, trotz aller Bemühungen, diese Herausforderung nicht. Aber ich habe oft bei Freundinnen übernachtet. Nicht damit in unserer Wohnung Halli Galli gemacht werden kann, nö. Ich hatte Zeit und Lust dazu. Vorher musste ich mich immer ein bißchen zwingen.

Weil ich ja durch den Verkauf meines ganzen Kram, den Verzicht auf überflüssige Versicherungen und die Halbierung der Miete und des Stromes plötzlich recht flüssig war, habe ich meine Arbeitszeit um 20% reduziert. Ich habe mein Wochenende auf den Montag ausgedehnt und nur noch 4 Tage gearbeitet. Und dann saßen wir irgendwann in der Küche auf dem Sofa und mir ist es mit einem Schlag ins Hirn gefahren… es ist alles getan. Alles war aufgeräumt und wohl verwahrt. Alles war sauber, kein Projekt angefangen und alles war an seinem Platz. Und zum ersten mal, seit ich mich daran erinnern kann, habe ich mich auf mein Rad gesetzt und bin an den Hufeisensee gefahren und bin schwimmen gegangen, ohne daran zu denken, dass ich wenn ich nach Hause komme noch dies und das machen sollte, oder dies und jenes gemacht werden müsste. Da war Ruhe. Und ich hatte plötzlich die Muse das Wochenende über bei Freundinnen zu verbringen, Leute zu besuchen, Dinge zu tun für die ich nicht die Zeit gehabt hatte. Oder mir nicht die Zeit nehmen wollte, weil ich ja eingentlich die Zeit für was anderes gebraucht hätte, mir aber auch nicht genommen habe, weil ich ja den Kopf so voll hatte…und so springt man von einer Baustelle zur nächsten und ist nie bei der Sache, weil man schon im Kopf den Plan fürs nächste macht.

Während ich ein Frühaufsteher und Tagmensch bin, war es mit dem lieben Fräulein anders. Ich fand es aber voll schön, Nachts auf zu wachen und sie an ihrem Schreibtisch sitzen zu sehen und sie meinte mal, wenn es draußen so dunkel und still ist, und sie unter ihrer Schreibtischlampe sitzt und lernt und die einzigen Geräusche das Atmen vom Hund und mir sind, dann fühlt sie sich, „als wären wir drei die einzigen Menschen im Universum“ und das sei das gemütlichste auf der ganzen Welt.

Eine ihrer Freundinnen meinte mal, dass sie zu Hause zwar eine ganze ausgebaute Etage hätte, bei uns aber trotzdem jeder mehr Privatspähre hätte. Das ist auch eine gute Lektion. Eine Privatsphäre kann man nämlich auch haben und respektieren, ohne sich hinter verschlossenen Türen zu isolieren. Man muss lernen, dass der andere nicht zur Verfügung steht, nur weil er anwesend ist. Wenn das Fräulein am Schreibtisch saß, habe ich nen Ruhigen gemacht. Wenn sie mit Freundinnen mit einer Flasche Sekt für eine Stunde im Bad verschwunden ist, hat sie vorher Bescheid gesagt und mir die Chance gelassen nochmal pinkeln zu gehen. Man toleriert Eigenarten, weil man gucken muss, warum stört mich das jetzt. Hat das tatsächlich einen Grund oder ist das einfach nur so eine persönliche Befindlichkeit. Wir haben uns manchmal so angeschrien. Ich weiß auch, dass man uns oft bis runter auf die Straße gehört hat, weil unser Nachbar, der da unten immer an seinen Rädern rumgeschraubt hat, gefragt hat was denn schon wieder los war. Aber es war ein intensives Jahr, voller Lektionen und Liebe. Voller Wut und Hilfe und Gemeinsamkeit. Ich bin mir sicher, dass sie meisten Teenager Kinder einen Anfall bekommen würden, wenn sie plötzlich mit ihren Eltern in einem Zimmer hausen müssten. Ich bin so froh, dass es eigentlich Fräuleins Idee war. Und ich bin froh wirkliche Fülle erlebt haben zu dürfen und den Luxus von Zeit erleben durfte.

Und ich konnte meinem lieben Fräulein mitgeben, dass miteinander verbrachte Zeit ein ziemlich geiles Ding ist. meine ich nicht irgend ein Event. Sondern einfach die Zeit, die jeder in seiner Zimmerecke verbracht hat. Für sich. Aber man konnte immer was sagen, fragen oder anmerken. Irgendwem ist immer eine witzige oder aufregende Geschichte eingefallen. Wie viele Stunden haben wir verplappert, wie oft musste ich zu ihr ins Bett um mal schnell irgendwelche witzigen Videos zu gucken. Wie oft habe ich mich schlapp gelacht weil der Hund und das Fräulein zusammen die einzigartigsten Pausenclowns waren und ich mein Buch zur Seite gelegt habe nur um die beiden beim kaspern zu beobachten. Viel zu selten. Aber öfter als in unserer großen Wohnung.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s