Meine Rente

Wie bereits mehrfach erwähnt, brauchte es einige Ereignisse, die mich dazu gebracht haben, dem System den Rücken zu kehren.

Heute möchte ich von einem sonnigen Tag berichten, nach dem ich mich lange Nachts in meinem Bett gewälzt hatte, weil ich vollkommen verwirrt, nicht mehr ein noch aus wusste.

Während meiner Arbeit in einem Callcenter, war ich in der Position das „Zünglein an der Waage“ sein zu können, wenn es um die Entscheidung ging, ob wir mit Mitarbeitern weiterarbeiten möchten oder ehe nicht. Wie andere Teamleiter in ihrem Team diesen Job zu machen hatten, musste ich das auch. Jemandem zu sagen, dass man mit ihm nicht weiterarbeiten möchte ist nie schön. Auch wenn es immer berechtigt war. Kein Arbeitgeber trennt sich leichtfertig von Mitarbeitern in die wochenlang Schulungen investiert wurden. An diesem Tag traf es einen ehemaligen Handwerker, der für die Arbeit in einem Callcenter absolut nicht geschaffen war. Das Elend an der ganzen Sache, er war Mitte Ende 50. Ich war nach dem Gespräch traurig, obwohl er ziemlich gefasst reagiert hatte, weil es abzusehen war, dass das passieren würde. Aber ich musste daran denken, wie er nach Hause kommt mit seiner beigen Hose und seinen grauen Halbschuhen und seiner Frau sagt: „Ich habs wieder nicht geschafft.“ Sein Körper kaputt von der schweren Arbeit am Bau und sein Kopf nicht dafür gemacht 8 Stunden vorm PC zu sitzen und schreienden Menschen Honig ums Maul zu schmieren. Auf dem Heimweg hab ich noch so daran gedacht, wie er sich jetzt wohl fühlt und da fällt direkt vor mir ein alter Mann einfach um. Ich renne hin, Blut sickert durch sein weißes Haar, ich rufe den Rettungswagen und lege meine Jacke unter seinen Kopf. Ich frage ihn ob ich jemandem Bescheid sagen soll. Er sagt, er wäre ganz alleine und kenne niemanden mehr. Seinen Gehstock und die Plastiktüte mit gepflückten Bohnen feste an sich gedrückt erzählt er mir, dass er in einer Vierraumwohnung lebt, die hat er von seinen Eltern übernommen und er hat noch einen alten DDR Mietvertrag, der ist so günstig, deswegen ist er trotz des Todes seiner Frau drin geblieben. Aber er würde nur in einem Zimmer heizen, weil die Kohlen ja so teuer geworden sind. Der Krankenwagen kam, zwei junge Herren sprangen raus. Verwegen rasierte Frisuren und einer hatte noch noch nicht mal die Schuhe zugebunden. Angewidert und mit rollenden Augen streiften sie sich Gummihandschuhe über, zogen den alten Mann auf die Beine, rissen ihm den Stock und die Tüte aus der Hand und warfen sie auf den Boden. Ich fragte ob das nicht auch ein bißchen freundlicher und vorsichtiger ginge. Ich wurde vollkommen ignoriert. Auch die Frage wohin man ihn bringen würde. Türe zu, Krankenwagen weg. Die ängstlichen Augen von dem alten Mann verfolgten mich bis nach Hause. Werde blos nicht alt, denke ich. Angekommen war mein erster Gang immer zum Briefkasten. An diesem Tag war ein amtliches Schreiben drin. Von der Rentenkasse. Kurz und knapp, wenn ich so weiter arbeite wie bisher, bis ich 67 bin, bekomme ich 785€. Hurra geschrien!

Und ich dachte: FICKT EUCH!!!!

Wenn ich meine Arbeit, die nur wegen netter Arbeitskollegen erträglich war, bis zu 67 machen soll, dann brauche ich die Hälfte meiner Rente für Psychopharmaka. Und meine Wohnung hatte zu der Zeit 580€ gekostet.

Ich sollte meine Lebenszeit damit vertun, den Reichtum vom Menschen zu mehren die Nichts, aber auch wirklich Nichts dafür tun um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wesen, denen Zahlen über alles gehen, die ihre Mitwesen zu FTEs degradieren…

Mein liebes Fräulein war inzwischen größer als ich und was hab ich ihr mitgegeben? Wie viel Zeit habe ich mit ihr verbracht? Oder war ich eigentlich nur anwesend? Sie bekam jahrelang mit, wie ich müde und manchmal sogar heulend von Arbeit gekommen bin. Sie bekam mit, wenn ich mit meiner Arbeitskollegin betrunken auf dem Balkon saß und die Firma verflucht habe und das ganze scheiß scheinheilige Getue.Und das ich das mache wozu? Um Dinge zu kaufen die mir z.B. helfen Zeit zu sparen, die ich gar nicht sparen müsste, wenn ich nicht so viel Zeit auf Arbeit verbringen würde.

Ich werde mir nicht den Arsch abarbeiten um hinterher mit Medikamenten ruhig gestellt und entmündigt in einem Schlafsaal, mit anderen Greisen zu liegen. Ich mache jetzt nen ruhigen. Schließlich will ich arbeiten bis zu meinem 90. Geburtstag. Das geht aber nur, wenn ich das mache was mir Freude bereitet und wenn ich Gesund bleibe. Und dann, sag ich allen Tschüß, knuddel mein altes, liebes Fräulein noch mal und lege mich hin, höre auf zu atmen und verlasse meinen Körper.

Ja es kann auch anders kommen, aber ich werde nicht verbittert in irgend einem Heim sitzen, weil ich nämlich nach meiner Fasson gelebt habe und somit keinen Grund habe verbittert zu sein.

3 Gedanken zu “Meine Rente

  1. Ja das bekomme ich auch immer zu hören. Ich bin ja schon immer anders als die anderen gewesen und ich solle doch bitte mal normal tun wie die anderen menschen. Eine Freundin arbeitet nur dass sie mal Rente hat. Aber schimpft oft über den job.

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