Zuhause

Was man braucht

Ich habe in Halle von September 1996 bis Juni 2016 gewohnt. Insgesamt in 7 verschiedenen Wohnungen. Die Wohnungen haben sich beim ersten betrachten gut angefühlt. Man ist rein gekommen und hat sich zu Hause gefühlt. Bis auf das Kisten schleppen hat ein Umzug auch immer Spaß gemacht. Man hat die Chance aus zu sortieren und seinen Besitz nochmal genau unter die Lupe zu nehmen. Ich habe früher schon gerne umgeräumt. Lieber als aufgeräumt. Also wenn es Zeit war für einen ordentlichen Budenzauber standen danach auch die Möbel anders. Ganz klar.

Ich habe immer sehr viel Wert drauf gelegt – mehr als auf saubere Fenster – dass kleine Niedlichkeiten in der Wohnung verteilt waren. Das man viel zum gucken hat. Ein bunter Plastikkronleuchter und ein pinkes Polly Pocket Schloss im Bad, edle Paprahmen mit Bildern von Kamelen im Flur, Windspiele, Stehrumsel und Figuggchen. Es kann ruhig fingerdick Staub drauf liegen, solange man noch den Glitzer erkennt. Ich muss mich zu Hause fühlen, hab ich gesagt. Und mein zu Hause war bunt. Hier und da ein bißchen angeschmuddelt aber gemütlich. Unsere letzte Wohnung durfte ich nicht streichen. Das liebe Fräulein bekam sehr schmale Lippen und große Nasenlöcher als ich ein Schmetterlingsposter über die Gartenbank hängte und einen weißen Papierballon als Lampe aufhängte. Um mein Bett rum hatte ich noch genug Gegruschel und natürlich in der Küche. Da hingen Bilder von meiner Familie und Freunden, Postkarten, Sprüche und Lichterketten. Als das liebe Fräulein im Mai 2016 auszog, hat sie nicht viel mitgenommen. Mein ganzes Gerümpel war noch da. Und ziemlich viel von ihrem auch. Sie ist – wie abgesprochen – in der Zeit ausgezogen wo ich in Bad Meinberg war. Der Hund und ich kamen nach 5 Tagen nach Hause und dort wo ihr Bett stande war nur noch ein klebriger Fußboden. Der Hund hat sich auf die leere Stelle gelegt und gejammert. Und ich hatte in der Türe gestanden und war nicht so erleichtert wie ich es ursprünglich erwartet habe. Ich bin erstmal mit einer Zeitung unterm Arm aufs Klo gegangen und habe die Badezimmertüre aufgelassen. Unabhängig davon, dass einem der Po nach 10 Minuten einschläft ist es langweilig wenn einen niemand durch die Türe anschreit, dass man sich beeilen soll. Dann habe ich mich in die Wanne gelegt um anschließend nackend durch die Wohnung zu gehen. Dann habe ich mich nochmal unter die Dusche gestellt, mir die Hundehaare abgespült und habe mich im Bad eingecremt und angezogen wie vorher auch.

Am nächsten Tag stand das im Kühlschrank was ich vorher rein gestellt habe, das ist schon cool. Und als ich von Arbeit kam sah es überall so aus wie ich es verlassen habe. Ja, schick. Irgendwas war doof. Der Hund war unglücklich. Das hat man gemerkt. Und das erwartete Freiheits- und Glücksgefühl hat sich bei mir auch nicht eingestellt. Dann sind wir auch ausgezogen. Der Hund und ich. An den Hufeisensee, in unserem Gefährt. Das war wie Urlaub. Irgendwie ok und das liebe Fräulein kam auch dann und wann zu Besuch.

Der 18.6.2016 war mein letzter Tag in Halle.Ich wollte gegen 20 Uhr los fahren um die Nacht durch zu fahren und irgendwo Hafen schlafen um mit der ersten Fähre rüber nach Föhr zu schiffen. Der 18.6.2016 war der Tag an dem ich mich vom lieben Fräulein verabschiedet habe. Der Tag auf den ich sehnsüchtig gewartet habe, seit sie in die Pubertät gekommen ist. Über ein Jahr Fräulein Pause. Ich hatte die Tage rückwärts gezählt. Mir ein Maßband gebastelt und jede Woche abgeschnitten. Die Tage der Streitereien und Zickereien waren JETZT vorbei. Es hat keiner Hura geschrien. Das ist uns beiden im Hals stecken geblieben. Ich hatte mir extra eine Autofahrtplayliste zusammen gestellt. Lieder die ich auf dem Weg in die Freiheit hören wollte. Diese Playlist ist bis heute nicht gelaufen. Und bestimmte Lieder habe ich mir auch noch nicht wieder angehört. Denn beim Fahren, in Richtung Norden, habe ich gemerkt, ich habe jetzt kein Zuhause mehr. Einen Raum, wo mein Geschrabbel drin steht, ja. Vielleicht habe ich auch mal wieder einen Raum mit Bett, vielleicht auch mal wieder einen Kleiderschrank oder eine Küche. Aber ein zuhause, was sich so anfühlt wie ein zuhause, werde ich nicht mehr haben. Auch nicht nach einem Jahr, wenn das liebe Fräulein wieder nach Deutschland zurück kommt. Sie wird wieder ein  Zuhause haben, mit jemand anderem. Und ich werde mal zu Besuch kommen dürfen. Sie wird mich besuchen. Aber wir werden nie wieder ein ganzes Wochenende auf dem Sofa zubringen um ein Buffy Vampierjäger Marathon zu gucken. Ich werde nie wieder in eine Küche kommen, das Gefrierfach aufreisen und „Hast du jetzt doch mein Schokoladeneis gefressen?“ brüllen. Ich werde nicht mehr wahnsinnig weil ich Internet Abbrüche habe, weil jemand meint er müsste GNTM streamen. Das ist auch vollkommen ok. Vielleicht hat mich das auch hier runter nach Spanien getrieben. Weil ich gerne wieder das Zuhause Gefühl hätte. Und wieder eine Reibefläche suche, die das Möglich macht. Nicht unser Besitz macht ein Zuhause. Kein Teppich und keine Vorhänge, keine Bilder an der Wand und kein Bücherregal. Das alles macht ein Zuhause nur gemütlicher und schöner. Ein  Zuhause machen die Menschen mit denen man es teilt. Ein Zuhause ist da, wo man Anteil an deinem Leben nimmt und du auch einen Anteil an einem anderen Leben hast. Du bist Anteil in deinem Zuhause.

2 Gedanken zu “Zuhause

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