Yoga – mein Weg

Ist vielleicht für den ein oder anderen interessant. Wie kommt man zum Yoga. Vor allem dann, wenn es überhaupt noch kein Trend ist und im Umkreis von 70 km keine Möglichkeit besteht, Stunden zu nehmen.

Irgendwann mit 13 begann ich mich für Yoga zu interessieren. Nicht für die Bewegungen oder die Philosophie, aber für Menschen in Pluderhosen und Bildern von Indischen Göttern. Ein bißchen beeinflusst wurde ich durch die großen Schwestern meiner besten Freundin, die beide recht alternativ unterwegs waren. Komische Poster an den Wänden, komische Musik, Räucherstäbchen, coole Halstücher…

In Treysa, einer Ministadt nahe meinem Dorf gab es einen Laden „Shakti“ in dem es das ganze Zubehör zu kaufen gab. Asiatische Schirme, Fächer, Buddha Figuren, Duftöle, Breifpapier, Glöckchen… ich habe damals mein ganzes Taschengeld da hin gebracht.

Und dann zu meinem 14. Geburtstag bekam ich das erste und einzige Yoga Buch das es damals im Welbildverlag zu kaufen gab. Und ich verwette meinen Arsch, dass es das erste Yogabuch in Röllshausen, wenn nicht sogar in der ganzen Schwalm war.

Yoga – für alle Lebensformen – in Bildern. Ich nutzte es sozusagen als Bilderbuch und fing natürlich auch mit den Körperübungen an. Vornehmlich um meine Großmutter zu schocken. „Kind pass auf du tust dir weh.“ Meditieren war scheiße langweilig, Atemübungen auch und die sattvige Ernährung in einem Dorf in den 80ern schlichtweg undenkbar. Wie kein Fleisch? Ich aß was auf den Tisch kam und machte täglich brav meine Asanas, die ich mit 14 recht gut hinbekam. Mit dem Kopfstand konnte ich richtig Eindruck schinden.
Aber nach dem 14. Geburtstag passiert auch folgendes, auf jeden Fall in der Schwalm – irgendwann steht die Konfirmation ins Haus und damit der Freibrief Abends weg zu gehen. Für uns hieß das, es war jetzt Mylord Discoland in Schrecksbach angesagt.
Erst mal machte ich wenigstens unter der Woche Yoga. Oder ich hab es mir vorgenommen. Aber mit Disco und Bier wurden dann auch zunehmend Jungs interessant und Yoga irgendwie immer uninteressanter.
Für viele Jahre stand das Yogabuch im Regal und nutze niemanden. Vielleicht als Gesprächsstoff, aber selbst da nur kurz. „Ach du hast auch ein Yogabuch.“ „Ja“ „Und?“ „Ja, ganz gut.“

Immer wenn ich zwischendurch zu sehr aus den Fugen geraten war, machte ich halbherzig ein paar Sonnengrüße, das wars dann auch schon.
Ich hatte außerdem ein kaputtes Knie. Also wirklich, mit OP und so. Richtig amtlich und medizinisch bestätigt mit angekündigter Teilprothese. Ich habe immer nur parterre Wohnungen genommen, da ich keine Treppen steigen konnte und trug Hosengröße 42, in der ich mich nicht nur wegen meinem kaputten Knie nicht bügen konnte.
Ich hatte immer voll Lust auf Laufen, aber das ging natürlich überhaupt nicht. Nordic Walking war mir zu peinlich mit den Stöcken und spazieren gehen muss auch so reichen.

Dann musste ich aus gesundheitlichen Gründen meinen Tagesablauf entspannt strukturieren. Da kam ein morgendlicher Sonnengruß gerade recht. Weil mir das Yogabuch zu esoterisch war, kaufte ich mir ein Yoga Heft, mittlerweile gabs die ja schon in jedem Laden, mit CD. Also gabs morgens Sonnengrüße und Abends einmal eine Runde Yoga mit der CD.
Ein paar Monate später meinte meine kleine Schwester, ich könnte nur vernünftig joggen, wenn ich vernünftige Schuhe hätte. Einer spontanen Eingebung folgend kaufte ich mir dann tatsächlich mal richtige Laufschuhe. Für mich ein günstiges Unterfangen, weil ich Kinderschuhe tragen kann. Und siehe da, ich konnte laufen, ohne dass meine Schienbeine mich daran gehindert hätten. Zudem fiel mir auch auf, dass ich andere Muskeln als sonst hatte.

Ich lief immer öfter und machte nebenher täglich Yoga.
Kaufte noch ein Heft, und machte das verlängerte Yogawochenende an der Nordsee. Dort hatte ich dann meine erste Yogastunde bei einem richtigen Lehrer. Ich konnte gleich in die Mittelstufe und war dort gut aufgehoben. In einem kurzen Gespräch mit Rama Schwab, meinte der, ich sollte mich doch zur Yogalehrerin ausbilden lassen. Was für ein Blödsinn dachte ich. Ich gehe strack auf die 40 zu und kann keinen Handstand und keinen Skorpion.
Außerdem hatte ich gerade für meinen ersten Halbmarathon trainiert(?!?). Bin jeden zweiten Tag 10 – 13 km gelaufen und hatte keine Zeit für so was.
Zwischendurch sind wir auch mal wieder umgezogen. Die Wohnung lag im dritten Stock. Auf Arbeit fragte man mich wo meine andere Hälfte ist.
Als ich mal wieder zu meiner Orthopädin ging, meinte sie „Ach, da sind sie ja mal wieder. Jetzt müssen wir uns langsam mal über die Prothese unterhalten.“ Ich sagte, dass ich eigentlich nur mal gucken lassen wollte und mir ihren Segen für den Halbmarathon geben lassen wollte. Recht sprachlos wurden meine Beine geröntgt und sie klatschte mir danach auf meinen rechten Oberschenkel und meinte „Mein lieber Schwan, das sind ja Muskeln.“ Natürlich sollte ich aufpassen, aber meine Muskeln wären so entwickelt, dass mein Knie ganz gut geschützt ist.
Irgendwann merkte ich, dass die ganzen Veränderungen durch Yoga aktiviert worden sind und ich dachte, meine Güte wäre das cool, wenn ich das anderen Menschen weiter geben könnte. Mein Knie ist immer noch kaputt und ich bin recht langsam. Aber dass ich überhaupt mal LAUFE während Freunde am Starßenrand stehen und meinen Namen rufen und klatschen und mein liebes Fräulein mit einem kühlen Jever Fun am Ziel auf mich wartet und mich drückt obwohl ich geschwitz habe, wer hätte das jemals erwartet.
Ich nicht. Und dann stand ich da, am Fahnenmonument in Halle, in Leggins mit einer Medaille um den Hals (die jeder bekommen hat) und beschloss Yogalehrerin zu werden.

Ich hatte ein Kind, einen Hund, einen Vollzeitjob und einen Schrebergarten.
Und wollte trotzdem jeden Montag mit dem Zug nach der Arbeit nach Leipzig fahren um mich dort unterrichten zu lassen.
Zudem hatte ich zwar einen Vollzeitjob, allerdings wurde der nicht fair bezahlt. Und die Ausbildung war nicht umsonst. Aber, es war ein Herzenswunsch. Und ich ging das Abenteuer ein.

Es hat sich gelohnt. In den zwei Jahren sollte ich mich verändern, war die Versprechung am Anfang. Inzwischen habe ich aber den Eindruck, dass einfach nur sie Kruste aus, die meinen innersten Kern versteckt hat, abgeschält wurde. Alles das was ich nie war, was ich mir selber aber angetan habe, aus gesellschaftlichen Zwängen, falscher Rücksichtnahme oder meistens Bequemlichkeit, fällt jetzt langsam ab. Nicht falsch verstehen, das war alles cool und hat zu seiner Zeit gepasst, hat aber einen Cocoon um mich gesponnen, unter dem ich mich entwickeln durfte. Der hängt jetzt nur noch in Fetzen um mich.

Ich beschäftigte mich immer mehr mit Ernährung. Vegetarier war ich schon etwas länger, die Ayurvedische Ernährung war aber auch voll interessant. Viel gelesen, viel ausprobiert. Nebenher noch Seminare zur Entspannung und Atemtechniken belegt. Zwei mal im Jahr habe ich gefastet, auch schon ein paar Jahre hintereinander. Fasten ist was ganz fantastisches und ich ließ mich auch als Fastenleiterin ausbilden. Ich bin überzeugt von der Heilwirkung einer Fastenkur. Dann noch mal ein Seminar zur Ayurvedischen Ernährungsberaterin absolviert. Alles passt so gut zusammen.
Alles ist ganzheitlich.

Unterrichtet habe ich schon ziemlich am Anfang meiner Ausbildung. Meine lieblings Arbeitskolleginnen waren meine Versuchskaninchen und haben mir Mut gemacht durch ihren Zuspruch und die Zufriedenheit nach den Yoga Stunden. Dann kam sogar eine Männergruppe, das war komplett anders, hat aber auch gefetzt.

Nachdem ich nun ausgebildete Yogalehrerin war, hatte ich die Chance in der Freiraumgalerie in Halle drei mal in der Woche Yogastunden zu geben. Von Anfänger bis Fortgeschrittene. Ich konnte die Yogastunden mit Atemtechniken und Entspannungstechniken verbinden und das kam ziemlich gut an. Und ich möchte einfach hier mal behaupten, ich bin – obwohl ich immer noch keinen Handstand kann, eine ziemlich gute Yogalehrerin geworden. Weil ich mit ganem Herzen bei der Sache bin.
Und jetzt sitze ich hier in Spanien. Man kann einzelne Yogastunden oder Beratungsstunden buchen, oder Gesamtpakete die ich ganz liebevoll zusammen schnüre. Nein, es ist nicht billig, es ist günstig. Ich werde nie zu einem von diesen Yogalehrern, die in der Innenstadt ein stylisches Yogastudio haben, mit Porzellan Murtis und kleinem Shop im Nebenzimmer. Ich schätze auch, bei mir wird keiner einen Matcha mit Mandelmilch bekommen. Ich selber werde nie einen Yogaurlaub in Indien machen können um meine Mala in den Ganges zu tauchen. Aber wisst ihr was, drauf geschissen! Das war nie mein Ziel mir eine goldene Nase zu verdienen. Oder spezielle Yogahosen für 100€ zu tragen. Oder in einer Jugendstilvilla Stunden im gehobenen Ambiente an zu bieten.
Ich weiß, ich schaffe es ganz gut, Menschen etwas glücklicher und zufriedener zu machen. Und damit mache ich die Welt ein ganz kleines Stück besser. Vielleicht nur für einzelne Personen und vielleicht nur für einen kurzen Moment. Ich will was von dem, was ich gewonnen habe abgeben.
Und das kommt volle Bude von ganzem Herzen. Nicht ganz umsonst, weil ich auch überleben möchte. Und trotz Minimalismus steh ich drauf Sachen zu haben. Mal ne neue Jeans, oder Briefmarken, oder Kartoffelchips.
So möchte ich diesen Job machen. Bis ich 90 bin.
Ich bin überzeugte Buddhistin, Veganerin, mache jeden Morgen Pranayama, ich singe jeden Tag Kirtans, ich meditiere täglich und ich mache ziemlich oft ein paar Asanas die zum Tag passen. (ich trinke immer noch gerne Bier, esse am liebsten Pommes, Southpark ist immer noch meine Lieblingsserie und ich gucke ziemlich oft blöde Youtube Videos und fluche, ich bin also völlig normal geblieben)
Und ich bin ziemlich oft glücklicher und fitter als ich es mit 30 war.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s