Weihnachtsmarkt

Ein Schweinehundtext, aus der Zeit wo das Fräulein noch Nintendo Spiele zu Weihnachten bekam.

Aber ein guter Text für Menschen, die angesichts des Elendes gar nichts mehr tun, weil sie denken wenn sie einmal anfangen sich Gedanken zu machen, könnten sie nicht mehr aufhören.

Man kann und darf und SOLL Spaß haben. Wenn es nicht auf kosten anderer geht.

Mit Schweinehunden auf dem Weihnachtsmarkt

Es ist ja eh schon peinlich mit dicken Einkaufstüten an den Bettlern unserer Stadt vorbei zu huschen. Aber zur Weihnachtszeit ist es besonders bitter. Der Glühwein vom Winzer mag nicht so süffig die Kehle runter rinnen, wenn man dabei über irgendwelche Obdachlose stolpert, die sich auf den Boden werfen um der eben weg geworfenen Zigarette den letzten Gramm Tabak vorm Filter nutzbringend weg zu rauchen. Beladen mit Tüten der örtlichen Riesenbuchläden überlegt man schon mal ob man nicht auch noch zwei Euro über hat für das Obdachlosen Magazin „Pflaster“, das direkt am Eingang von einer Frau im Rollstuhl verkauft wird. An jeder Ecke des Weihnachtsmarktes steht eine dunkelhäutige Frau in Lumpen gehüllt, in der Kälte. Eine hat sogar ein Baby im Arm. Alle halten ein Schild hoch auf dem steht, dass der Mann tot und die Kinder sehr krank sind.

Wir, ein paar Schweinehunde und ich, stehen an der „Glühweinhütte“. Denn, in der Glühweinhütte verkauft man auch BioWeine. Also führte man mich johlend „Ey das ist doch was für dich“ zur Hütte hin. Mit dem selben Ziel das auch an den anderen Buden verfolgt wurde. Wir wollten ordentlich einen klingeln. Als wir da standen fiel mir plötzlich auf, bei jedem Junky, Obdachlosen oder Bettler machten meine Schweinehunde betroffene Gesichter, reckten ihr Kinn in die betreffende Richtung und sagten voller Mittleid: „Ou, guck ma hier.“ Ich reagierte auch angemessen betroffen, bin aber nicht gleich dahinter gestiegen was da von mir erwartet wurde. Bis einer meiner Schweinehunde sagte: „Und da sagste nix oder was?“ Also erstmal dachte ich HÄ? Und dann begriff ich, dass von mir erwartet wurde, dass ich wie das kleine Sterntaler durch den Wald von Menschen gehe und den Frierenden meine Jacke gebe und den humpelnden meine Schuhe und mein Geld unter dem Rest der Bedürftigen aufteile. Und auf keinen Fall, aber auch wirklich auf gar keinen Fall, sollte ich Angesichts der Armut zur Weihnachtszeit hier auf dem Weihnachtsmarkt stehen und lachen und Glühwein trinken und sogar noch gebrannte Mandeln essen, während andere nur eine Schüssel Reis am Tag haben.

Ja sagt mal – geht’s noch? Das Elend auf der Welt wird nicht elender, nur weil wir das Fest der Liebe (zum Konsum) feiern. Ich denke nicht erst ab dem ersten Advent an die Hungernden und Elenden, bis zum 01.01. und dann bin ich wieder der alte Schweinehund. Sondern für mich ist das allgegenwärtig. Und trotzdem kann ich lachen und Witzchen machen und essen bis ich platze, mit Freunden einen heben und tanzen gehen. Ich werde meinem Kind ein neues Spiel für den Nintendo kaufen und meinen Neffen bunte Knete und Rennautos aus Plastik. Es gibt unzählige Baustellen. Ich kann versuchen mir alle auf den Tisch zu ziehen, dann hätte ich wahrscheinlich vor lauter traurig und entsetzt sein keine Kraft mehr um mich wirklich für eins ein zu setzen. Nur weil es mir bewusst ist, bin ich nicht für alles verantwortlich. Ich habe auch ein Recht auf Spaß. Und mal ganz nüchtern gesehen, lieber Schweinehund – den finanziellen Mehraufwand den ich habe indem ich nur fair gehandelten Kaffee, Reis, Kakao und Tee konsumiere, weitgehend Klamotten aus fair gehandelter Baumwolle trage und Bioprodukte, bzw. regionale Produkte kaufe ist doch etwas höher als dein Preis für ein gutes Gewissen zum Fest der Liebe, dass du dir obendrein noch durch eine Spendenquittung (oder Ablassbrief) bescheinigen lässt, um es von der Steuer ab zu setzen. Also wenn ich nur dann richtiger „Utopist“ und „Öko“ bin, wenn ich jeden Euro spende und die übrig gebliebenen Cents in die hier überall aufgehaltenen Hände werfen, dann komme ich hier an meine Grenzen. Dann mach ich nicht mehr mit. Und dann wäre ich auch kein Vorbild für Schweinehunde, sondern einfach nur ein Spinner, über den sie lachen würden. Ich könnte natürlich noch mehr tun. Aber ich habe auch eine Verantwortung mir gegenüber. Meinem Gemüt, meinem Sinn und meiner Seele. Und die brauchen eben ab und an ein Bier, einen neuen roten Pullover und zu Weihnachten eine Lichterkette im Wohnzimmerfenster.

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