Zusammenleben im Balkan

Das liebe Fräulein macht derzeit ja ein F(reiwilliges) S(ouiales) J(ahr) im Ausland. Das war ihr Wunsch seit der 10. Klasse. Nach der Schule erst mal ein Jahr raus. Raus aus Halle sowieso, aber am besten gleich ganz raus ausDeutschland. Am liebsten wäre sie ja nach Asien gegangen. Aber da ich auf Knien und mit Engelszungen auf die eingeredet und am Ende ganz knallhart mit ewigem Eingeschnapptsein gedroht habe, hat sie sich doch dazu überreden lassen wenigstens in Europa zu bleiben.
In meiner Vorstellung habe ich sie auf einem Weingut in Italien gesehen. Schließlich hatte sie lange genug Italienisch in der Schule. Das wäre doch auch naheliegend gewesen. Genauso naheliegend wäre es gewesen, dass ich dort dann sehr günstig bei ihr Urlaub mache.
Wer sich in Halle für ein FSJ entscheidet, geht hier über den Friedenskreis. Der schickt die FSJler aber nur in den Balkan. Das weiß man aber erst, wenn es schon fast zu spät ist.
Ich habe wahrscheinlich mal wieder nicht richtig zugehört. Und das liebe Fräulein hat was von Montenegro erzählt, ich habe im Kopf Monaco draus gemacht und jajacool gebrummelt.
Und dann war es zu spät. In einem Gespräch wo auf Blickkontakt bestanden wurde und ich mein Handy wirklich ganz aus machen musste, wurde ich vor vollendete Tatsachen gestellt.
Das liebe Fräulein wollte in den Balkan.
Ich habe erst mal mein Handy wieder an gemacht um auf youtube „Balkan“ ein zu geben.
Das erste was ich vom Balkan also gehört habe war ein Rap von einem der sich „Toni der Assi“ nennt. Danach hatte ich folgende Vorstellung, Hochhäuser in Betonwüsten, davor schmutzige Kinder in Jogginghosen und Sandalen, vier Stunden mit dem Bus bis man ein Baum sieht.
Dann habe ich gegoogelt und habe erfahren, dass knapp 50% Muslime sind, 30%Serbisch-Orthodox und 15% Katholiken.
Dass hat das katastrophale Bild in meiner Vorstellung noch um ein paar verschleierte Frauen bereichert und die 4 Stündige Busfahrt ist in meiner Fantasie noch gefährlicher geworden, Waren nicht ja nicht nur Bettler auf der Straße, sondern auch noch muslimische Männer, die vielleicht Steine auf mein geliebtes, liebes Fräulein werfen, weil sie unverschleiert, wild und stolz durch die Gegend geht.
Dann wurde mein Unwissen noch durch Halbwissen aus dem Bekanntenkreis bereichert. Wenn Frauen dort zu forsch sind, bekommen die auch mal eine auf offener Straße geballert. Da würde sich das liebe Fräulein das Rumdiskutieren wohl schon abgewöhnen.
Vor lauter rumflennen bin ich fast ganz runzelig geworden.
Ich habe gedroht und gefleht und mich auf dem Boden gewälzt und geschrien. Es half nichts.
Wir hatten uns mehr gestritten als sonst. Aber glücklicherweise war das liebe Fräulein noch frei von Vorurteilen. Und sie macht sich immer gerne selbst ein Bild und lässt alles auf sich zukommen.

Dann stand fest, sie geht nach Jaice. Ich googelte Jaice in Bosnien. Von Stund an beneidete ich das Fräulein. Mut wird tatsächlich belohnt. Denn die Bilder von der Stadt und den Wasserfällen sind traumhaft.

Auf was ich aber eigentlich hinaus wollte.
Die Muslime da.

Auf Facebook habe ich einen Link zu einem Artikel erhalten, dass Muslime jetzt verstärkt im Balkan zu finden sind. Über dem Text ein Foto von vollverschleierten Frauen.
Davon hatte mir das liebe Fräulein natürlich nichts erzählt.
Interessiert sie sich nicht dafür, oder ist sie wohl möglich schon in muslimischen Fängen und wenn ich sie nächstes Jahr treffe, kommt sie mir mit Burka, entgegen?

Also habe ich sie direkt gefragt. Ihre Arbeitskollegin, von der sie mir schon oft erzählt hat, die witzige, nette, die gerne Heavy Metall hört und ein bißchen flippig ist. Die ist Muslima.
„Ach und woher weißt du das? Hat sie dir das erzählt?“
„Sie trägt Kopftuch.“
Aha. Also, witzig, flippig, nett, Metallfan, Kopftuch. Hatte ich bisher nicht so in Verbindung gebracht.

Der Chef des Vereins ist auch Muslim. Das liebe Fräulein und ihre Arbeitskollegin haben ihn nämlich mal von der Moschee abgeholt.

Und er gibt ihr nicht nur die Hand, das liebe Fräulein wird auch zur Begrüßung gedrückt und es gibt Wangenküsschen. Obwohl sie nicht nur eine Frau ist und obendrein noch Nichtmuslimin.
„Eh Mama wie scheiße bist du denn drauf, wie stellst du dir das den vor wie die da alle sind. Da ist es alles total scheißegal was wer ist, weil das jedem seine Sache ist, also echt.“

Letztes Wochenende hat das Fräulein ein anderes Fräulein, was sie dort kennen gelernt hat, besucht.
Es war auch eine muslimische Familie. Da hat zwar keiner Kopftuch getragen, aber alle haben fünf mal am Tag gebetet. Also sich ganz bewusst fünf mal am Tag ein paar Minuten Zeit genommen um sich um sein Seelenheil zu kümmern.
Das liebe Fräulein, dass ja schon so ein bißchen eigenbrödlerisch ist, wie ich, bekam die ganze Wucht muslimischer, bosnischer Gastfreundschaft zu spüren. „Ich kann jetzt nein Danke ich bin satt auf bosnisch sagen, aber das hilft nichts.“

Sie ist, wie das passiert ist weiß ich auch nicht, hat sie bestimmt von ihrem Vater, nicht einen Hauch religiös. Sie hat zwar Religionsunterricht gehabt, dass hat ihren Unglauben aber wahrscheinlich noch bestärkt. Allerdings trägt sie ein kleines, goldenes Kreuz von ihrer Uroma, als Schmuck. Am Handgelenk. Also hat man sie für eine Christin gehalten. Also obwohl man sie für eine überzeugte Christin gehalten hat, hat man sie wie ein lange verschollenes Familienmitglied behandelt. Sie bekam sogar Socken geschenkt, Socken aus eigener Schafwolle. Socken, die von der Mutter der Familie gestrickt wurden.Die so warm sind, dass man sie als Hausschuhe tragen kann. Und Käse von eigenen Ziegen.

In der Nachbarschaft haben welche Kühe und alle tauschen sich aus und manche sind Christen und manche Muslime. Und keinen juckts weil es nur selber einen angeht.
Und las das liebe Fräulein dann sagte, dass es an gar keinen Gott glaubt. Da waren alle Interessiert. (Und was machst du dann vor dem Schlafengehen?“) aber keiner hat das verurteilt oder Anstoß dran genommen.

Und da sind Menschen, die sind von ganzen Herzen Muslime, so sehr, dass sie sogar fünf mal am Tag beten. Und ihr Haus ist so klein, dass nur ihr kleiner Gebetsteppich ihr Stück Privatsphäre ist. Und sie sind so fröhlich und freundlich und so liebenswert.

Und ich glaube von ganzen Herzen, dass die meisten Muslime auch genauso sind wie die meisten Christen, Juden oder Atheisten.

Also an Orten wo die die Menschen im Einklang mit der Natur leben, auf engstem Raum, da scheint Religion eine eigene, kleine individuelle Auszeit zu sein.

Und an Orten wo Menschen vor lauter Langeweile nicht ein noch aus wissen, weil sie den ganzen Tag auf dem Arsch sitzen und Wasserpfeife rauchen oder einen Monatsgehalt für Elektronik ausgeben um ihre freie Zeit tot zu schlagen, da wird Religion benutzt um sich überall ein zu mischen oder andere zu unterdrücken.

Egal welche Religion.

(Damit will ich jetzt ein bißchen vorbeugen, falls jemand meint er konnte das übliche Deutsch-Bashing anfangen – „In Deutschland würde dir keiner selbstgetrickte Socken schenken, weil alles Egoisten sind.“ Das liegt nicht daran, dass wir zu wenige Muslime und zu viel Christen haben glaube ich. Sondern weil man aus welchem Grund auch immer, jeden Kram hortet für schlechte Zeiten und um mehre zu haben als der andere. Die Gesellschaft hat sich in diese Zone entwickelt und das unabhängig von jeder Religion.Ich glaube da ist ein wirtschaftliches Interesse, dass das so bleibt.)

Ja, man hört von widerlichen Sachen, die Hirngefickte Salafisten machen.
Aber wie oft werden Leute von Christlichen Abtreibungsgegnern erschossen? Wie viele Morddrohungen bekam J.K Rollin von Christen, weil sie den Kindern Hexerei und schwarze Magie nahe bringen will. Kennt jemand die Internet seite Kreuz.net? Ich glaube die ist inzwischen auch gesperrt worden. Die ist von ein paar durchgeknallten Katholiken erstellt worden. Ich habe die Schmutzseite entdeckt, als ich nach Dirk Bach gegoogelt habe. Mir ist ja fast das Herz stehen geblieben, bei soviel Extremismus und Hetze.
Und wenn wir nicht in jahrzehntelanger schwerer Entwicklungsarbeit, so sorgsam Staat und Religion getrennt hätten und diese Extremisten nicht genau wüssten, dass hier jedem Verbrechen nach gegangen wird und nichts Religiöses als Kavaliersdelikt unter den Tisch fallen gelassen wird, dann wette ich meinen Arsch, dass MANCHE auch Schwule auf offener Straße abknallen würden, oder Frauen steinigen, nur weil sie zu offenherzig rumlaufen.

Und ich wünsche mir für spätestens Mai 2018, wenn ich wieder nach Hause komme, dass jeder sich wieder um sein eigenes Seelenheil kümmert. Und dass vorher nachgedacht wird, bevor über Muslime oder Religion überhaupt diskutiert wird. Das wäre voll schön.
Weil wir sind die große Mehrheit. Damit meine ich die Normalen. (Normal im religiösen, nicht extremen Sinn) Also das hoffe ich zumindest. Und die große Mehrheit braucht keine Angst vor Islamisierung haben, weil wir ja auch einen großen Teil Muslime auf unserer Seite haben, die auch kein Bock auf Islamisierung hat.
So, dass war mein Beitrag zu diesem Thema. Ihr könnt ja alle mal in Jaice Urlaub machen und euch angucken wie da zusammen gelebt wird.
Grüßt das liebe Fräulein von mir.

PS.: Das viele Weihnachtsmärkte jetzt Wintermärkte genannt werden, liegt nicht daran, weil wir auf muslimische Mitbürger Rücksicht nehmen wollen. Weil wenn das so wäre, würden sie ja kein Alkohol verkauft werden. Der traditionelle Weihnachtsmarkt hat immer am 23.12. zu gemacht. Aber einen Wintermarkt, kann man bis zum Februar auflassen. Vielleicht ist das der Grund. Den Leuten noch länger Billigramsch andrehen können. Aber das klingt als Grund nicht so schön, hmm

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