Natur Menschen

oder

die blanke Natur

oder

für mich bitte einmal Domestiziert

Ich bin ja ein Kind vom Dorf. Und ich bin zu einer Zeit aufgewachsen, wo man durchaus auch noch Hütten und Staudämme gebaut hat. Wir hatten immer einen Garten und Hunde, Katzen und Federvieh. Ich war bei Hausschlachtungen dabei und konnte Schlepper fahren. Irgendwie habe ich mich aus diesem Grund immer für Naturverbunden gehalten.

Mit 23 Jahren bin ich dann in eine Großstadt gezogen. Am Anfang habe ich mich da nicht so wohl gefühlt. Viele Blumen und Gemüse auf dem Balkon gehabt, jede freie Minute mit dem lieben Fräulein im Park gesessen. Dann hatte ich einen Schrebergarten und bin mit

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Kanutour auf der Saale

dem lieben Hund immer am Kanal entlang gejoggt. Wir sind gewandert, mit im Freien schlafen und irgendwann habe ich angefangen von einem Leben in der Natur zu träumen. Ganz einfach, ganz spartanisch. Raus aus der Großstadt war mein Mantra. Das war für viele Jahre richtungsweisend. Am besten ein einsamer Bauernhof. Mit zwei Flügeln. Einer für mich und einer für meine beste Freundin und für eine von uns einen „Henning Baum Typen“ und für die andere seinen Zwillingsbruder.

Und immer noch war ich überzeugt. Die Natur und ich – wir sind aus einem Holz geschnitzt.

Der Monat am Hufeisensee hat das noch bestärkt. Morgens aufstehen, im See baden, am offenen Feuer kochen, Abends bei Fackelschein den Sonnenuntergang mit der Ukulele begleiten. Und wenn der Wein alle ist, schnell ins Netto fahren und welchen holen mit Bio Siegel.IMG_20160605_073925

Auf Föhr habe ich dann irgendwann gemerkt, dass die Natur sehr schön ist, aber alleine auch nicht so viel Spaß macht. Dann bin ich Hals über Kopf nach Spanien „ausgewandert“, wo sich recht viel Natur befindet. Gerade hier in Bocaleones. Und das Leben ist auch recht einfach. Kein Trinkwasser aus dem Hahn, keine Möglichkeit ohne Auto auch nur Kaugummi zu kaufen, keine Müllabfuhr oder Briefträger, Ziegen, Schafe, Frösche und Vögel plärren sich von der Dämmerung an die Seele aus dem Leib und ein paar Menschen, denen es egal ist ob du rasierte Achseln hast von denen du Tipps und Tricks bekommst wie du im Garten die besten Ergebnisse erzielst. Und Menschen mit denen man da sitzen und trinken kann und reden kann. Und dann sitze ich in der blanken Natur, am Bachlauf zwischen Schilf und denke „Schön, das war jetzt die Natur. Sehr vortrefflich und schützenswert. Ich möchte das aber bitte nicht mehr.“

Ich möchte für mich bitte die domestizierte Natur. Mit der fühle ich mich verbunden. Also ich weiß jetzt, dass ich mich in einem kalten Bach waschen kann, ohne Strom und fließend warm Wasser nicht nur überleben, sondern auch recht gut leben kann. Im Falle einer Zombieabokalypse, bin ich also durchaus ein guter Verbündeter. Ich brauche nicht jeden Tag frische Unterwäsche und kann sehr weit laufen, schwer tragen und bin auch durchaus schnell. Ich flenne nicht rum, wenn meine Beine blutig gekratzt sind, ich bis zu den Hüften in kaltem Schlamm stecke oder kein Internet habe.

Aber bis dahin, lehne ich die blanke Natur für mich als Lebensraum ab.

Natürlich werde ich in Halle wieder einen Garten haben und Marmelade einkochen, Brot backen, am offenen Feuer kochen und so was. Ich werde jede freie Minute in Freien sein unter Bäumen sitzen und den Sonnenuntergang mit der Ukulele begleiten. Aber vorher gehe ich in meinen Frisörsalon und lasse mir die Augenbrauen endlich wieder mal in Form bringen. Und ich muss erst mal schnell zu Saturn, neue Batterien für mein Stimmgerät kaufen, ansonsten wird das Ukulele spielen nämlich zur Tortour. Ach und ich brauche neue Klingen für meinen Rasierer und Grillkohlen und Fackeln werde ich wohl bei Obi kriegen.

Ich steh jetzt hier und muss mich tatsächlich noch mal neu erfinden. Was ich will und was ich nicht will. Alles kann sich ändern, wenn man es erst mal hat, oder eben nicht mehr hat.

Und dann höre ich „Das wird aber ein ganz schöner Balanceakt.“

Meinetwegen. Aber es ist ein balancieren auf einem Seil auf dem Boden.

Es ist ja nicht so, dass was passiert wenn ich das Gleichgewicht verliere. Also ich habe in dem Jahr ohne Stadt gelernt, dass ich eigentlich ein Stadtmensch bin. Also so eine grüne Stadt wie Halle möchte es schon sein. Und wenn ich morgens am Hufeisensee Brombeeren pflücke und daraus Marmelade koche, dann kann ich trotzdem Abends mit Freunden im „Nö“ sitzen und Bier trinken. Und wenn ich morgens mit dem lieben Fräulein im „Colonne Morris“ frühstücke, kann ich trotzdem bei Fackelschein den Sonnenuntergang angucken. Und vielleicht bin ich irgendwann wieder so weit, dass ich für ein paar Wochen plane mich in der blanken Natur auf zu halten. Wandern mit im Freien schlafen. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass ich irgendwann mit dem passenden Partner, wieder ganz andere Pläne schmiede.

Aber jetzt hier so für mich, möchte ich erst mal wieder geteerte Straßen mit Gehwegen und einer Straßenverkehrsordnung und Autofahrern die ich verachten kann, wenn sie auf dem Fahrradweg parken. Eine Straßenbahn die schrill klingelt und eine bunte Vielfalt an Menschen, wie man sie nur in einer bekloppten Stadt hat.

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Morgens beim joggen

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