Naja Tanja, dann komm du halt zu uns

Wenn meine Klasse im Sportunterricht zwei Mannschaften bilden sollten, durften die beiden sportlichsten Mädchen, oder die beiden sportlichsten Jungs, aus der bunten Knabbermischung meiner Klasse im Wechsel wählen. Wir hatten eine recht korpulentes Mädchen in der Klasse.

Die Mannschaften bildeten sich und das Ende war immer das gleiche. Die Walküre und ich standen als einziger zur Auswahl, ihr Name wurde von dem der dran war erleichtert gerufen und der letzte Satz war immer „Naja Tanja, dann komm du halt zu uns.“ Einer aus der Parallelklasse der das mitbekommen hatte fragte mal verwundert, warum die deutlich Dickere und unsportlich aussehende mir vorgezogen wird. Und bekam als Antwort „Axxx bemüht sich wenigstens.“ Ich habe in der 10. Klasse zu den Bundesjugendspielen die gleichen Übungen gemacht wie in der 5. Mit denen hatte ich meine erste und letzte Urkunde bekommen. Danach haben die Punkte nicht mehr gereicht und ich habe trotzdem unter lauten Gejohle meine Rolle Vorwärts, Rolle Rückwärts, Radschlag absolviert. Ich war in Sport ne Niete. Und tatsächlich war Sport auch der einzige Unterricht, den ich jemals geschwänzt habe. Auf die Bundesjugendspiele habe ich mich trotzdem jedes mal gefreut, weil es bedeutete den ganzen Tag im Freien abhängen zu können. Rumsitzen, warten bis man dran ist, kurz zum Affen machen und dann wieder irgendwelche Jungs anglotzen und Cola trinken. Natürlich war es peinlich. Aber bin ich durch die Demütigung traumatisiert worden? Nein. Wenn meine Eltern mich getrietzt hätten um aus mir eine Sportskanone zu machen, wenn mich jemand ausgelacht hätte dann vielleicht. Aber es hat mich einen alten Arsch interessiert. Und von meinen Freunden hat auch keiner gelacht. Ein paar Tussis aus höheren Klassen haben höhnisch geguckt. Als sie auf dem Schulhof von der Pausenaufsicht beim rauchen erwischt und angebrüllt worden sind, hab ich höhnisch geguckt und schon waren wir quitt. Und die Sportler, die in mir die unsportliche Person gesehen haben, die ich tatsächlich auch war, haben sich dafür von mir im Kunstunterricht helfen lassen. Ich glaube nicht, dass einer Traumatisiert ist, nur weil ich ihm mal mit Bleistift einen Baum vorgezeichnet habe.

Aber manchmal wars peinlich. Zugegeben. Aber ich schätze es war eine gute Übung für Peinlichkeiten die ich erleben durfte, wo mich kein Attest vom Arzt hätte befreien können. Beim Schwarzfahren erwischt, Geldkarte funktioniert an der Kasse nicht, Portmonee vergessen, Rock hinten in die Strumpfhose gesteckt, Taube kackt einem am Bahnhof voll. Ja vielleicht ist es demütigend in der Straßenbahn sein Spiegelbild im Fenster zu begutachten und plötzlich zu sehen, dass man einen Schokoladenschnurrbart hatte und der letzte war, der es begriffen hat, warum man von allen freundlich angelächelt wird.

Ich hätte dem lieben Fräulein gerne solche Momente erspart. An der Tafel zu stehen und nichts zu wissen, zu betrunken um sich zu benehmen, aber noch nicht voll genug um es nicht mehr zu merken. Von wildfremden Menschen ohne Rücksicht auf ihre zarte Seele auf irgendwelche Defizite aufmerksam gemacht zu werden. Dass man nicht auf dem Gehweg mit dem Rad fahren soll, dass der Hund an die Leine gehört und die Füße nicht auf die Sitzfläche der Parkbank. Ich bin die ersten Jahre mit dem großen Besen vor ihr her gelaufen und habe jede Chance sich zu blamieren aus dem Weg gefegt. Bis sie mir mal gesagt hat, dass ich sie damit blamiere und ich peinlich bin. Wie viele tolle, einschneidende, lehrreiche Erlebnisse hätte sie gar nicht gehabt, wenn sie immer auf mich gehört hätte. Was ich damit sagen möchte – blamieren, Peinlichkeiten und unangenehme Situationen gehören dazu. Und man wächst an ihnen. Ich kenne Menschen, die es nicht fertig bringen an eine Türe von einem Amt zu klopfen und dann gleich auf zu machen. Weil sie es als peinlich empfinden wenn sie jemand zurück weisen würde. „Bitte warten sie noch einen Moment draußen.“ Ich habe mal eine Stunde gewartet, weil vor mir eine junge Frau dran war, die einfach vergessen worden ist, weil sie nicht geklopft hat und ich dachte sie hätte sich bestimmt schon bemerkbar gemacht. Das ist doch irre. Und das nur vor der Angst die falsche Person zur falschen Zeit zu sein.

Also man soll niemanden mit Absicht ins Messer laufen lassen. Schon gar nicht sein Kind. Aber die ganzen Rufe nach Abschaffung der Wettkämpfe an Schulen, finde ich sehr bedenklich. Vieles ist ein Wettkampf. Um den Studienplatz, um den Arbeitsplatz um einen Platz an der Sonne. Und manchmal ist es eben so, dass ich, obwohl ich mich schon ganz früh hin gegangen bin, der schönste Platz trotzdem besetzt ist. Ich steige als erstes in den Zug, breite mich auf einen Vierersitz aus und bekomme dann vom Schaffner eine Mutter mit lauten Kindern dazu gesetzt und habe weniger Platz als wenn ich mich auf einen normalen Zweiersitz gesetzt hätte. Ich lasse im Supermarkt ein Glas Senf fallen, ich stolpere in der Stadt und alles sehen wie ich da liege, ich rutsche mit dem Rad auf den vereisten Radwegen aus, der Hund kackt auf den Gehweg und ich habe nur noch eine Tüte, die ein Loch hat. Der Könner seufzt und macht weiter, der „Versager“ wird knallrot, haut ab und geht nie wieder in diesen Supermarkt oder diese Straße entlang. Der eine kann seinen Freunden beim nächsten Bier eine witzige Geschichte erzählen, der „Versager“ lässt es an seinem Herzen nagen.

Was wir aus unseren Kindern machen, liegt ein Stück weit in unserer Hand.

Und wahrscheinlich haben Eltern oft viel mehr Mühe das aus zu halten, als ihre Kinder selber. Oder? Keine Ahnung? Ist meine Meinung. Und da ich in meiner Hierarchie ziemlich weit oben angesiedelt bis ist die für mich ziemlich relevant. Dazu reicht mein Selbstbewusstsein. Trotz demütigendem Auswahlverfahren im Sportunterricht.

6 Gedanken zu “Naja Tanja, dann komm du halt zu uns

  1. Ich schätze, dass man der jungen Generation das Verlieren ersparen versucht, weil es womöglich nicht optimal sei. Dass es aber auch dazu gehört und jeder Mal verlieren sollte, wäre vielleicht sinnvoller.
    MfG toe

    Gefällt 2 Personen

  2. Huhu
    ich verstehe genau was du meinst… und ganz ehrlich wenn ich sehe wie viele Muttis heute da sitzen und wollen das ihre Kinder immer die ersten sind dann könnte ich die Hände vors gesicht schlagen…. Kinder müssen nicht immer 1. sein und müssen nicht immer die besten sein…. ein Kind soll sein bestes geben und mit dem was es tut stolz auf sich selbst sein dann kann es auch groß und stark werden… zumindest versuche ich genau das meinem Kindergartenkind zu vermitteln…

    Gefällt 2 Personen

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