Ein paar Stunden nachdem ich einen euphorischen Text ins Netz gestellt habe, dass immer wieder alles gut wird und sich fügt, hat es angefangen zu regnen.

Manchmal denke ich, dass Strafe fürs rumprahlen bei mir immer fast sofort kommt.

Das habe ich zum ersten mal gedacht, als mir der Motor vom ersten Bus, quasi um die Ohren geflogen ist. Das war wohl ein facebook Post zu viel mit einer Tasse Kaffee zum Frühstück, am See sitzen und vor der Arbeit schwimmen gehen. Aber ich will auch nicht wirklich glauben, dass es geprahlt ist, wenn man etwas tut, was jeder tun könnte. Nur nicht tut weil er es nicht will – aber das ist ja was anderes.

Auf jeden Fall, es hat angefangen zu regnen und Fibie hat ihr erstes, deutsches Unwetter erlebt und war vom Gewitter nicht wirklich beeindruckt. Ganz eng an den lieben Hund ran gekuschelt, ihren Kopf auf seinen Hals abgelegt, hat sie sich das Schauspiel angeguckt und ist erst zu mir ins Bett gesprungen, als es durch den Regen sehr laut wurde in der kleinen Blechbude.

Aber ich war genervt. Ja, ich habe mich für alles was grün ist und wachsen will echt gefreut. Der Regen war wirklich bitter nötig. Aber ich hatte es den ganzen Tag nicht wirklich geschafft zu duschen. Ich habe das vor mir her geschoben bis es zu spät war. Da war das Wasser in der Solardusche zwar warm aber es war zu windig um sich unter irgend welche Bäume zu stellen. Also lag ich ab 17 Uhr, starr vor Schmutz, auf meinem Bett. Füße kalt, Zähne nicht geputzt, Hunger… aber um dem ab zu helfen hätte ich aus dem Auto raus gemusst und das war wegen Regen und Sturm nicht mehr möglich. Vor allem wenn man keinen Platz zum Klamotten trocknen hat. Wenn ich keine volle Powerbank und kein unbegrenzter Datenvolumen gehabt hätte, hätte ich bestimmt angefangen zu heulen. Ich brauche ja nicht so viel Schlaf. Das liebe Fräulein würde sich hinlegen und könnte 12 Stunden am Stück schlafen, bis alles wieder trocken ist. Aber ich lag wach. Und weil ich nur so kurz bin, ist meine Nase nicht so weit weg von meinen Füßen wie ich mir das gewünscht hätte und alles war schmutzig und die Hunde haben auch noch ihren olfaktorischen Teil dazu beigetragen. Teils durch neues Nassfutter, teils durch feuchtes Fell.

So lag ich also in meinem Bett, Mückenstich am Kinn, alles hat gejuckt und ich konnte nur flach durch den Mund atmen wegen uns drei Stinkern. Eine sehr unschöne Situation. Ich würde lügen wenn ich nicht zugeben würde, wie sehr ich dann meine alte Dreiraumwohnung vermisse. Bei solchen Regentagen lag ich gerne in der Wanne. Ich hatte gerne solche „Sinnessalze“ im Wasser, damit alles schön bunt und duftig ist. Manchmal hatte ich dabei noch eine Haarkur in den Haaren und eine schöne Algenmaske im Gesicht. Unmut kam nur auf wenn die Klinge vom Rasierer stumpf war oder ich mein Handy zu fest ans Gesicht gedrückt hatte und dann Maskenreste drauf rumgeschmiert sind. Während ich meinen Körper duftend gesalbt hatte, konnte ich im Schlafzimmer aufrecht stehend unter mehreren Outfits wählen, mir das kuscheligste raus suchen und würde dann auf dem Sofa liegen, Kaffee,Kuchen, schöne Zeitschrift, ausgestreckt….

Und dann muss man sich mal die Frage stellen – bereue ich das, was ich getan habe?

Und selbst nach reiflicher Überlegung, muss ich sagen, es ist zwar manches Bedauerlich und manches vermisse ich. Allerdings war ich seit über einem Jahr nicht mehr beim Arzt. Ich bin nicht krank geworden. Ich trage seit über einem Jahr keine Knirsch- Schiene mehr, ich brauche sie nicht mehr. Man sagt ich würde jünger aussehen, Ruhe ausstrahlen und gelassener wirken. Auch wenn ich frierend im Schlamm sitze. Komisch.

Ich hatte wirklich nette Arbeitskollegen, manche sind sogar Freunde geworden. Der Job war nicht doofer oder langweiliger als andere stinknormale Jobs.

Aber ich war nie wieder dem Amoklauf so nahe, wie in den letzten zwei Jahren auf Arbeit, jeden Morgen wenn mein Fahrrad in die Tiefgarage gerollt ist. Ich war nie wieder so sinnlos verzweifelt wie in den Momenten vom Fahrradkeller zur ersten Stahltüre. Ich musste nicht mehr hinter irgend welchen Säulen stehen um erst mal zu weinen um hinterher der Klimaanlage die Schuld für die roten Augen in die Schuhe zu schieben. Und es wäre schön wenn ich jetzt schreiben könnte, dass ich nie mehr der Willkür von adipösen Egomanen ausgeliefert sein werde, aber ich muss nächste Woche zum Finanzamt und hatte letzten Dienstag schon einen Vorgeschmack bekommen was mich zu erwarten hat. Mit Willkür werde ich mich wohl noch ein bißchen plagen müssen. Nun gut. Aber alles in allem steh ich ziemlich gut da. Ich bezahle einen Preis für Freiheit, die derzeit recht frisch und schmutzig ist. Aber der Preis ist bestimmt nicht höher für die, die lieber in einer schönen Wohnung sitzen. Aber egal was man bezahlt und wofür. Am Ende ist wichtig wie oft man gelacht, durchgeschlafen, geschmunzelt, gekichert, gelächelt, gegrüßt hat.

Und wer Zufrieden ist, wenn er in einem schönen, warmen, trockenen Großraumbüro sitzt, kostenlosen Kaffee mir Kollegen trinkt und dort viel zu lachen hat, der hat alles richtig gemacht, wenn er das tut was zu tun ist. Ich bin eben nicht so.

Manchmal finde ich das schade. Aber in meinem Kopf tickt es da halt anders.

2 Gedanken zu “

  1. … du schreibst immer so herrlich ehrlich… es ist doch klar das man was vermisst, aber sei gewiss jeder vermisst etwas… der im großraumbüro vermisst sein kleines Büro… der in seiner kleinen Wohnung vermisst die große weite Welt und du vermisst ein wenig den Luxus den man in seinen 4 Wänden hat.. alles nachvollziehbar… du machst es einfach toll und wirst deinen weg gehen

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