Darf ich noch meckern?

„Na Tanja, wie läuft´s mit deinem Bauwagen?“

„Ganz gut, es wird langsam. Zwar ein bißchen langsamer als ich mir das erhofft hatte und meine Folienfenster nerven echt und ich habe noch keinen gescheiten Einfall. Geld ist auch erst mal alle, aber sonst – alles schick.“

„Ja,ja. Aber du brauchst auch gar nicht meckern, du hast das alles selbst so gewollt. Da bist du nicht zu bemitleiden. Du lebst ja so wie du das wolltest.“

Ja, das mach ich. Und habe ich jetzt damit das Recht verwirkt mich zu beschweren?

Im Endeffekt hat sich doch hier jeder sein Leben so ausgesucht wie es ihm am lebenswertesten erschien. Also dürften sich nur Kinder, Gefängnisinsassen und Menschen im Altenheim beschweren.

Du hast den Mann geheiratet, der dir regelmäßig eine aufs Maul gibt. Du hast den Kredit aufgenommen um dir einen SUV zu kaufen. Du hast dich bei dieser Firma beworben und arbeitest da, obwohl du deinen Vertrag nicht mit Blut unterschrieben hast und zu jeder Zeit gehen könntest.

Also lebt jeder nach seiner Fasson und trotzdem wird gemeckert und gejammert und sich beschwert.

Manchmal ertappe ich mich, wie ich mein Geflenne als Friedensangebot einsetzte. Wenn ich z.B. den ganzen Tag spazieren gegangen bin, auf meinem Liegestuhl gesessen und ähnliche Tätigkeiten getätigt habe und dann einen EX-Kollegen vor mir sitzen habe, der nach 10 Stunden da raus ist und mit dem Kopf aber immer noch drinnen, dann plagt mich manchmal ein schlechtes Gewissen. Und dann muss ich hin und wieder auf den Klomangel oder meine dauerschmutzigen Füße aufmerksam machen, damit mich nicht die blanke Wut des Schwerstarbeiter trifft. Und man will ja auch nicht so wirken, als wenn man angeben will.

Was ja wirklich Blödsinnig ist. Er (oder sie) hat es sich ja genau so ausgesucht wie ich. Ich muss also gar keine Rücksicht nehmen. Natürlich hat er in irgendwelche Tabellen geglotzt oder hat sich mit unangenehmen Menschen beschäftigen müssen und das schon den ganzen Tag. Dafür geht er später mit sauberen Füssen auf ein sauberes Klo, holt sich ein Getränk aus den Kühlschrank und setzt sich vor seinen großen Fernseher. Also – alles gut.

Und manchmal beschwere ich mich, weil es halt eben nicht so läuft wie es laufen soll. Und hier kommen wir auch zu dem großen Augenöffner von vielen Aussteigern. Auch auf einem schönen Selbstversorgerhof hat man das ein oder andere Problem. Da ist es halt kein fieser Chef, sondern das fiese Wetter oder der fiese Rüsselkäfer. Jeder Lebensstil erfordert seinen Preis. Und selbst solche Menschen, von denen man denkt, dass ihnen doch pausenlos die Sonne aus dem Hintern scheinen müsste, weil sie ihr Hobby leben, dafür auch noch Sponsoren gefunden haben und regelmäßig um um den Globus jetten um sich fotografieren zu lassen wie sie in Bikinihosen für 300€ an irgend welchen einsamen Stränden stehen, die sitzen am Ende des Tages in ihrem klimatisierten Supercamper und trinken mal wieder einen zu viel, weil sie so alleine sind und ihr Herz so schwer, dass sie ohne einen Liter Rotwein gar nicht einschlafen könnten.

Und dann sitzt man dann mit so einem armen Würstchen am Lagerfeuer und sie jammert und entschuldigt sich in jedem zweiten Satz dafür, dass sie es tut. „Ja, ich weiß das ist jammern auf hohem Niveau und eigentlich müsste ich ganz still sein…“

Ne, selbst du darfst dich beschweren. Jeder darf das. Allerdings nicht endlos und es muss irgendwann mal wieder gut sein. Weil es sich eben – jeder so ausgesucht hat.

Und wenn ich – wie jetzt gerade – dringend aufs Klo muss und nicht kann weil es in Strömen regnet, dann kann ich natürlich ein bißchen rumfluchen. Und wenn ich bei unter 20 Grad Außentemperatur, nackend im Gebüsch stehe und mich mit kalten Wasser ab schrubbe, dann denk ich nicht pausenlos „Juhu ich bin ja so frei.“ Sondern ehe „Fuck, fuck, fuck, fuck fuck, fuck, fuck, fuck fuck, fuck, fuck, fuck fuck, fuck, fuck, fuck fuck, fuck, fuck, fuck fuck.“ Ungefähr so lange wie ich zum sauber werden brauche. Aber danach fühle ich mich echt gut.

4 Gedanken zu “Darf ich noch meckern?

  1. Weißt du meine Liebe, ich verstehe nicht warum die Gesellschaft immer meint über andere Menschen reden oder urteilen zu dürfen. Ja- du hast eine andere Lebensform als viele andere Menschen, aber dennoch hast auch du das Recht mal zu sagen „Nö gerade finde ich alles doof“- nur weil jemand den Mut hat einen anderen Weg einzuschlagen als andere, weil sie ggf. wollen würden aber den Mut nicht haben kann man doch nicht sagen das es dein Pech ist wenn was nicht funktioniert….
    Ich kann glaub ich sagen das ist ein „Standardleben“ führe, ich bin verheiratet habe 2 kleine Kinder und ein gemütliches Häuschen… Wir gehen beide voll arbeiten und versuchen uns unser Leben so schön wie nur möglich zu gestalten, aber dennoch glauben Menschen in unserem Umfeld zu behaupten das es unser Pech ist wenn Dinge nicht funktionieren….
    Eines habe ich gelernt in meinem Leben, höre niemals auf dein Umfeld und lass dich erst Recht nicht von Menschen runterziehen die dir dein Leben schlecht reden wollen…. Geh deinen Weg, geh diesen mit gehobenem Haupt und solange du dich dabei gut fühlst ist es auch richtig…. Und wenn du glaubst du musst mal jammern oder meckern, dann steht auch dir das zu.

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