Alkohol macht alle hohl

Ich bin ja nun eine Freundin des trockenen Rotweins. Bei den passenden Gelegenheiten mag ich auch mal Sekt und in Gesellschaft immer gerne Bier. Jever vorzugsweise.

Aber überwiegend hat man mich in den Abendstunden mit einem Becher Rotwein angetroffen.

Und irgendwann, am fast Ende des letzten Jahres, ich wollte mich gerade für den Abend runterfahren, musste aber noch einkaufen gehen, obwohl ich absolut keine Lust dazu hatte. Es wurde schon dunkel und kalt war es obendrein. Aber ich musste ja einkaufen, also griff ich zum Einkaufszettel und da stand – Holzanzünder, Wein. Meine Holzanzünder hätten noch zwei Tage gereicht, aber der Wein, der war alle. Und dann dämmerte es mir, dass ich drauf und dran war nur für eine Flasche Wein noch mal in die Kälte raus zu fahren.

Das habe ich natürlich bleiben lassen, habe mir eine Kanne Tee gemacht und saß dann da und hätte lieber ein Glas Wein getrunken.

Und bei längerem Überlegen ist mir aufgefallen, dass es, seit ich Halle im Juni 2016 verlassen habe, viel mehr Abende gab wo ich zwei oder drei Gläser Wein getrunken habe, als Abende wo ich gar keinen Alkohol getrunken habe. Das fand ich ziemlich erschreckend. Zwar war ich nie betrunken oder angetüttelt oder hatte am nächsten Morgen einen Kater. Ich bin immer fit zwischen 6 und 7 aus dem Bett gesprungen – aber trotzdem.

Ich habe dann beschlossen während der Rauhnächte nichts zu trinken. Um Symbolisch ein fast alkoholfreies Jahr 2018 einzuleuten. Also auch Silvester sollte es keinen Sekt oder kein Likörchen geben. Auf einer feuchtfröhlichen Party wäre das doof – aber da ich ja eh alleine bin – passt also alles.

Also jetzt wo ich die Geschichte schreibe ist das auch schon alles rum. Natürlich hatte ich keine Entzugserscheinungen oder schlaflose Nächte, keine Schweißausbrüche oder nervöse Zuckungen. Ich hatte mir auch nicht gleich nach 12 alkoholfreien Tagen eine Flasche Wein hinter die Binde gekippt, alles geschmeidig.

Was mich erschreckt hat, waren allerdings die Diskussionen die ich führen musste.

„He ich komme dann zwischen den Jahren mal vorbei und bringe einen Wein mit.“ war immer das Intro. Danach gings weiter mit

Was? Gar nichts? Warum nicht an Silvester? Fang doch besser erst am 1.1. damit schon an. Ein Glas ist doch nichts? Warum denn, du hast doch kein Problem damit? Also so gar nichts finde ich ja übertrieben.

Im übrigen waren die Menschen fast deckungsgleich die selben, die sich wegen meiner veganen Ernährung Sorgen um meine Gesundheit machen.

Und da ist die Person, die geradezu sauer war, dass ich nicht mal ein Glas mit ihr trinken wollte. Nein sie will alleine nicht trinken. Meine Versicherung, dass es mir 100% nichts ausmacht, wenn sie neben mit sitzt und Wein trinkt, dass ich mir aber eine Alkoholauszeit in den Rauhnächten gönnen möchte, veranlasste sie zum schmollen.

„Wenn Alkohol für dich ein Problem wäre, hättest du ein Problem wenn ich hier trinken würde und wenn du keins hast, dann sehe ich jetzt auch nicht ein, warum du nicht mit trinkst, du kannst doch nicht auf alles verzichten mit deinem Gesundheitswahn. Du musst doch auch mal leben und einfach nur genießen.“ blablabla

Das mach ich doch auch. Aber ich entscheide selber was ich wann genieße.

Sie ist dann ziemlich früh gegangen, ich sollte mich melden wenn ich wieder normal bin und deswegen habe ich gleich ein paar Stunden später angerufen. Da war ihre Zunge schon ziemlich schwer, weil sie wegen mir Gesundheitsapostel die ganze Flasche alleine weg ballern musste.

Und ich dachte mir, wie viele Menschen haben ein Alkoholproblem und nehmen das gar nicht war, weil sie ihr tägliches Leben ganz normal auf die Reihe bekommen und den Schlüpfer regelmäßig wechseln und noch konzentriert arbeiten können. Wie sehr es dich im Griff hat, merkst du vermutlich erst, wenn du Abends plötzlich und unerwartet ohne da sitzt. Wirst du gereizt und gelangweilt, dann hast du ein Problem, auch wenn du nicht schon Appetit hast deine Frühstücksflocken mit Wermut anzurühren.

Und wie schwer ist es davon los zu kommen, wenn deine ganze Umgebung dir Alkohol auf drängt. Ein Schnäpschen nach dem Essen, noch einen, noch einen, einer geht noch. Aber ein Nein geht nicht. Das muss man begründen, man soll sich rechtfertigen, aber warum denn nicht, nur noch einen.

Und selbst der Verwandte, von dem eigentlich jeder weiß, dass ein Schnäpschen schon eins zu viel ist, bekommt ein Gläschen hin gestellt. „Häh, einen kannst de doch, oder.“ „Natürlich und auf einem Bein kann man nicht stehen.“

Wie gestört ist das?

Und dann fällt mir das Video ein, was mir mal auf Facebook vorgeschlagen wurde. Es war eine Botschaft an alle „Flüchtlinge und Migranten die hier nach Deutschland kommen und sich nicht zu benehmen wissen und die deutsche Kultur mit Füssen treten.“ (Mit Füssen die in teuren Markenturnschuhen stecken wohlgemerkt) Nachdem ein fettes „Wir sind Deutschland und das sind wir“ eingeblendet wurde kam dann eine lose Reihenfolge von Bildern die, laut dieser Nachtjacken, Deutschland sind. Ganz viele Bilder von Leuten die sich mit großen Humpen zuprosten, zwischendurch Bilder von Würstchen aus Schweinefleisch und Schnitzel, zwischendurch mal eine Frau im Bikini und ein Bild von Göthe, aber überwiegend sind wir Bier und Würstchen. Aber natürlich nur Würstchen aus Schweinefleisch. Ich dachte beim ersten Betrachten schon, dass ICH deutsch bin aber mich mit keinem dieser Bilder identifizieren kann. Aber dass der Alkoholkonsum so zum Kulturgut erhoben wird, ist doch peinlich.

Das geht doch nicht.

Ich trinke echt gerne den ein oder anderen.

Ich würde es aber dennoch sehr gut finden, wenn der Maßvolle Umgang mit Alkohol auch zu unserer Kultur dazugehören würde.

Und ich befürchte hier haben mehr Menschen das Augenmaß verloren als man so an nimmt.

2 Gedanken zu “Alkohol macht alle hohl

  1. Da bin ich ganz deiner Meinung!
    Ich hab schon vor der Schwangerschaft kaum mehr getrunken und seither gar nichts mehr. Erst da ist mir besonders aufgefallen, dass ‚überall und immer‘ getrunken wird… Es ist etwas so Normales geworden, dass kaum mehr jemand über seinen Konsum nachdenkt.
    Ich hab leider auch die Erfahrung gemacht, dass ich in einer Gruppe nicht mehr so „dazugehöre“, weil ich eben nicht mehr jedes Wochenende Trinken mitgegangen bin.
    Aber mir geht es viel besser damit, genauso wie mit der veganen Ernährung. Ich steh dazu und wenn sowas jemanden stört, dann ist das sowieso keine gute Grundlage für eine Freundschaft.

    Alles Liebe
    Cao

    Gefällt 1 Person

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