Reisen

In einem Anfall von Nostalgie kaufte ich dem lieben Fräulein mal ein Buch „Mama, erzähl mal“, wo allerlei Fragen gestellt wurden, die man dann schriftlich beantworten sollte.

Das wollte ich ihr dann zum 18. Geburtstag geben.

Fragen wie „Wie hast du Papa kennen gelernt“ bis hin zu „Bin ich die Person geworden, die du dir gewünscht hast.“ Die Antworten über Amore, ersten Kuss und erstes was weiß ich begannen alle mit „Also ich hatte mal wieder 1.8. auf dem Kessel…“ ne. Scherzchen.

Ich hatte das Buch ja ein paar Jahre mit mir rum geschleppt und die Antwort zu „Bist du zufrieden mit deinem Aussehen?“ „Ich werde dieses Jahr 40, bin fit wie noch nie, wiege 58 Kilo und will nie mehr wiegen, jogge in der Woche 50km und sehe echt scharf aus“ ergänzte ich etwas später mit „Scheiße ich werde jetzt 43, wiege 75 Kilo und weiß gar nicht wie das passiert ist. Wenn ich mich umbringen will laufe ich einfach schneller die Treppe hoch.“

Das Buch hat das Fräulein nie bekommen. Das war am Ende mehr Therapie für mich. Nach dem Lesen einer alten Antwort bin ich dann den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopfschütteln raus gekommen. Es war im Kapitel über Urlaub. Die Frage war „Verreist du gerne.“ Die Antwort „Nein, ich bin am liebsten zu Hause. Ich hasse es zu verreisen und werde schon nervös wenn ich aus der Stadt raus komme. Ich bin eigentlich schon von einem hessischen Heimaturlaub total überfordert.“

Ich saß in Spanien auf meinem Bett, das Buch auf dem Schoß und habe gedacht „Ich habs doch gewusst. Ich habe es doch schon immer gewusst. Was zum Teufel mache ich hier? Wie komme ich dazu ins ausländische Ausland zu fahren?“

Ich habe mir schon immer gerne Fotos angeschaut. Weil ich viele Freunde habe die leidenschaftliche Reisende sind. Alleine das liebe Fräulein war schon immer der Ansicht, dass man mindestens einmal im Jahr das Land verlassen muss.

Aber Reiseberichte wie „dann mussten wir das essen, weil es sonst eine Beleidigung gewesen wäre…“ „wir haben Tee in einem Beduinenzelt getrunken…“ haben mich noch nie aus den Schuhen gehoben. Eigentlich meine Meinung noch etwas gefestigt. Der Gedanke mit Menschen um eine große Schüssel zu sitzen und mit der Hand da raus zu essen macht mich krank.

Weil – und jetzt kommts – und wird mir viel Schelte einbringen – andere Sitten und Gebräuche interessieren mich einen alten Arsch.

Ich war mit 13 bei einer Schulkameradin über Nacht und durfte erleben, wie sich zum Abendbrot alle an den Händen nahmen und beteten. Ich habe dazu nie etwas gesagt. Ich bewerte das noch nicht mal negativ. Aber es war Teil einer fremden Kultur, 10km von meinem Dorf entfernt nämlich und somit nicht meins. Ich habe nie wieder dort übernachtet.

Ich lehne tatsächlich für mich, erstmal alles ab was anders ist. Alles was mich aus dem gewohnten Tritt bringt. Ich sehe gerne Dokus und höre gerne Geschichten und freue mich, wenn mir etwas mitgebracht wird. Vorzugsweise Gewürze oder Samen. Das war es. Ende.

Aber nein, Reisen erweitert den Horizont. Ja, wenn ich in einer Hotelanlage in Griechenland Sirtaki tanze und Hirtensalat esse, dann ist mein Horizont ja sooooo weit. Dann bringe ich noch für jeden eine Flasche Uzo mit, die man hier ja so gar nicht kaufen kann und jeder schmeckt auch sofort den Unterschied. In Spanien – ein kleines Dorf, ein Laden an der Ecke – ich brauche einen Sonnenhut. Die wurden dort verkauft von einem hutzeligen Männchen. Der sah aus als hätte er mit seinen gichtigen Händen den Hut gerade geflochten. Die Kaurimuscheln am Band haben mich stutzig gemacht, aber das „Made in China“ Schild hat mir dann den Rest gegeben.

Ich habe schon immer leicht geschmunzelt, wenn ich diesen China Stempel auf Mitbringseln entdeckt hatte. Scheinbar wird alles was unnötig ist in China hergestellt. Das Land der aufgehenden Sonne. Dort wo die Menschenrecht mit Füßen getreten werden. Egal – aber die marokkanische Muskatreibe gabs für fast umsonst und ich habe trotzdem noch gehandelt.

So lange bei uns die Scheidungsraten und die Zahl der Alleinerziehenden nicht bei ungefähr 0% liegt werde ich noch nicht mal was gegen arrangierte Ehen sagen. Nicht meins, aber es geht mich auch nichts an. Und es muss nicht schlechter laufen als wenn sich hier die „Liebe des Lebens“ im Suff findet. Ich muss das aber auch nicht diskutieren, weil es mich nichts angeht.

Natürlich sind Fotos von weißen Stränden schwer beeindruckend. Allerdings wenn in der selben Fotoreihe ein Stand ist wo ein Hund auf dem Spieß steckt und Straßenkinder betteln, dann kann ich auch auf dem warmen Sandstrand gut verzichten, weil ich ihn eh nicht genießen könnte.

Und hier gibt es tatsächlich einige die mich deswegen für Intolerant halten. Aber ich fühle mich nicht so. Ich bin es auch nicht. Ich kenne inzwischen so viele Menschen mit so vielen Ansichten, Hautfarben und Pässen und verstehe mich mit jedem ziemlich gut. Weil es mir egal ist was andere tun, so lange keine Wehrlosen dabei benachteiligt werden.

Und wenn ich irgendwann mal in einen Flieger steigen würde, was ich bestimmt nicht tun werde, dann könnte ich nach Neuseeland, Indien, USA oder Afrika reisen und hätte dort eine kostenfreie Bleibe. Aber „Nene, lasst mal gut sein.“ und ja, es wird immer gelächelt und gesagt „Typisch Tanja.“

Halle ist ganz bestimmt nicht meine Endstation und sobald ich den richtigen Partner gefunden habe, werde ich wahrscheinlich auch noch mal das Land verlassen. Weil ich mich nach Zitronenbäumen sehne. Aber so was wie Wüste, Pyramiden, Dschungel mit Spinnen und Tigern. Nein Danke.

Ich reise nicht gerne. Ich komme gerne an und bin dann dort zu Hause. Und zu Hause kann ich eigentlich überall sein, wo ich ich sein kann. Ein Gewohnheitstier.

2 Gedanken zu “Reisen

  1. Ich finde den Eintrag total spannend, weil dir bestimmt schon viele gesagt haben, dass du aufgrund deiner Wohnsituation „total mutig“ und anders bist. Und dann nennst du dich selber Gewohnheitstier. 🙂 Vielleicht sollte man nicht im Urlaub ausbrechen, sondern im Alltag.

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