Aufregen – Regt euch!

Mir platzt ziemlich oft die Hutschnur. Menschen die mich kennen, kennen das. Allerdings trage ich nicht viel Groll im Herzen. Ich renne eine Weile mit blutunterlaufenen Augen und mit grünem Schaum vorm Mund durch die Gegend, rufe eine meiner Schwestern, Ute oder Micha an. Dann dreh ich kurz durch, ersticke fast an meiner eigenen Galle, keifer rum wie eine Mischung aus Else Kling und Anton Hofreiter. Danach scheint mir eigentlich immer wieder gleich die Sonne aus dem Hintern.

Aber egal wie groß der Druck zu kollern auch ist, meiner kleinen Schwester darf ich keine Sprachnachrichten mehr schicken. Meine kleinen Neffen haben ihr gesamtes Repertoire an Schimpfwörtern erhalten, nachdem meine Schwester nichtsahnend im Beisein ihrer Söhne eine Sprachnachricht von mir abgehört hat. („Haha, Tante Momo hat Schwanz gesagt!) Also kann sich jetzt auch jeder vorstellen auf welchem Niveau meine Wutanfälle statt finden.

Ich finde ich hab mich da schon gebessert. Vor ein paar Jahren habe ich mich zuckend auf dem Boden rumgerollt wenn ich mitbekommen habe, dass ich Werbung im Briefkasten hatte, obwohl ein Aufkleber ausdrücklich darauf hingewiesen hat, dass ich keine kostenlose Zeitschriften oder Werbung haben möchte.

Und es stimmt schon. Wut ist wie ein Stück glühende Kohle, dass man in der Hand hält um nach jemandem zu werfen.

Man schadet sich als erstes selber.

Ich bin inzwischen sehr, sehr entspannt. Also wenn man an die Tyranja von vor 10 Jahren denkt, aber Hallo. Dennoch ärgere ich mich zu oft. Das liebe Fräulein nennt mich sogar jähzornig. Sie sagt auch oft, dass ich wohl ein Magnet für negative Energien bin. Ich denke aber manchmal, dass ich einfach nur mehr beobachte, registriere und reagiere. UND ich bin nur 158 cm und wirke durch meinen Wuschelkopf und die bunten Klamotten manchmal „niedlich“ und da traut man sich vielleicht mehr als beim lieben Fräulein, die deutlich größer und muskulöser ist als ich und auch immer so aussieht als würde sie jeden durch die Nasenlöcher anschauen und ohne weiteres Arme abreißen können.

Nun gut. Manchmal denke ich aber auch man sollte sich viel mehr aufregen. Die Menschen scheinen sich in zwei Lager zu spalten. Leute die sich rücksichtslos alles nehmen was ihnen gefällt und Leute die dann zwar angepiept sind, aber eh nichts dran ändern können und deswegen auch nichts machen.

z.B. – ist schon eine ganze Weile her – wir wollten ins Kino und ich kaufe Logenkarten. Das Kino war schon recht voll besetzt. Wir gehen zu unseren Plätzen und die sind besetzt. Ein paar Mädchen die so ein bißchen nach „Fack you Göthe“ ausgesehen haben. Ich sage „Sorry, ihr sitzt auf unseren Plätzen.“ Die Mädels „Ach Scheiße, setzt euch doch woanders hin, da sind doch noch Plätze frei.“ Ich „Ja, aber die Sitze werden vielleicht noch verkauft und dann müsste ich ja wieder aufstehen und mir was neues suchen und ich habe ja für diese Sitze bezahlt, also möchte ich da jetzt sitzen.“ Meine Begleitung meinte dann“Komm doch einfach, wir können uns doch auch einfach da unten hin setzen und gut ist,“ die Mädels fanden das auch gleich gut und machten nicht mal einen Versuch aufzustehen. Ich dann „Ich zähle jetzt bis drei und dann habt ihr die Sitze frei gemacht oder ich helfe euch.“ da sie immer noch keine Anstalten machen wollten, habe ich dann schon mal ihre Jacken und Taschen in den Gang gelegt, dann ging es. Und wer war die Doofe? Ich, weil ich gleich so fies sein muss.

Oder, eine total erkältete und deswegen unfreundliche Bäckereifachverkäuferin, wischt sich mit einem total durchgeranztem Taschentuch die Nase, nimmt in die selbe Hand ohne Zange meinen Pfannkuchen, niest ihn an und steckt ihn dann in die Tüte die sie mir mit den Worten „Ein Euro Zehn krieg ich“ hin hält. Natürlich bin ich ruhig geblieben. Das ist kein Grund gemein und laut zu werden. Ich hab nur gesagt „Das ist doch jetzt nicht ihr Ernst, sie haben den Pfannkuchen mit ihren Schneuzhänden angefasst und dann noch drauf geniest.“ „Aber ich habe den Kopf zur Seite gedreht.“ „Ich möchte den nicht, ich möchte einen Neuen, den sie bitte mit der Zange raus nehmen.“ Meine Begleitung meinte, ich würde mich ja über jeden Scheiß aufregen. Dabei habe ich mich gar nicht richtig aufgeregt.

Und mal im Ernst – das möchte ich auch beibehalten. Ich möchte mir das Recht raus nehmen mich zu Beschweren wenn mich was persönlich betrifft. Angerotzte Pfannkuchen betreffen mich. Erst recht wenn ich dafür 1,10€ bezahlen soll.

Aber es gibt auch Dinge, über die möchte ich mich nicht mehr aufregen. z.B. bestimmte Youtube Videos. Wenn ich mal eine Langweilige Phase habe, und die hatte ich ja letzten November und Dezember, dann gucke ich jeden Schwachsinn auf Youtube. Nach kurzer Zeit könnte man meinen es gibt nur noch Feministen, Genderquere, Nonbinarys, „Künstler“, oder „Diverses“ auf der Welt. Gerade wenn ich dann noch Ausschnitte von bestimmten Funkformaten vorgeschlagen bekomme, wo kleine, zarbeflaumte, kunderbunte Kerlchen die Welt erklären wollen, bekomme ich erst Panik und dann den Wunsch auf dem Mond zu leben oder noch besser alle auf den Mond zu schießen. Allerdings, die deutliche Mehrheit ist ja ganz gewöhnlich. Also ganz „normal“ hetero oder homosexuell. Nur solche Menschen haben halt keinen Youtubekanal, weil sie ihr leben für so schön gewöhnlich halten wie sich selber und deswegen gar kein Bedürfnis haben sich darzustellen. Ich meine, wie soll auch ein Youtubekanal von einem gewöhnlichen Menschen aussehen? „Hallo ihr Lieben, ich komm gerade von Arbeit und jetzt koch ich mir Spinat mit Ei, bleibt dabei und guckt wie ich die Tagesschau gucke und danach mein Kind ins Bett bringe.“ Also – die Welt ist nicht aus den Fugen geraten, die meisten sind noch beruhigend „Normal“. Normal ist hier in Anführungszeichen gesetzt um es zu entwerten. Damit mein ich nicht Normal ist gut und unnormal gleich schlecht. Aber das sollte jedem klar sein, der hier ab und an mal mitließt.

Worauf ich hinaus will – aufregen – dieses explosive Eigenschaft ist aus gesundheitlichen Gründen abzulehnen. Dieses wütende rumschimpfen und reinsteigern ist eine der schlechten Eigenschaften, die ich dem Julfeuer übergeben habe.

Also dieser Text wurde am 22.12. geschrieben und ich habe mein Rauhnachtsfasten noch vor mir. Vielleicht ist mir ja danch, jede Wut und jeder Ärger fremd, ich wurde erleuchtet und ja, dann hat sich der Text hier erledigt. Gehen wir aber einfach davon aus, dass ich mich immer noch ab und an mal ärger. Weil die ein oder anderen Begebenheiten es einfach Wert sind, dass man sich darüber aufregt. Man könnte jetzt ja sagen, ist doch egal, du kannst eh nichts ändern, juckt doch eh keinen und so dramatisch ist es ja wirklich nicht. Allerdings habe ich auch oft erleben dürfen, dass man geschluckt und geschluckt hat und wenn man sich dann irgendwann mal gewehrt hat, wurde das nicht ernst genommen weil „Man ja vorher mal was hätte sagen können“ und plötzlich war alles total doof und dann war es zu spät was zu sagen weil der ganze Mist schon „On going“ war.

Allerdings möchte ich nicht mehr meiner Wut Ausdruck verleihen indem ich quasi mit runtegelassener Hose, brüllend und mit erhobenem Mittelfinger über den Platz wüte und meinen Schwestern und Freunden unfassbare Sprachnachrichten ins Smartphone kreische. Ich werde nicht mehr lästern und keifern, sondern einfach alles in einem lustigen Text verarbeiten. Die neue Kategorie „Aufreger des Monats“ steht also jetzt. Ich wollte erst Aufreger der Woche machen, aber das setzt einen ja regelrecht unter Druck sich mindestens einmal in der Woche aufzuregen. Das will ich ja eben nicht mehr, deswegen wäre ein Aufreger der Woche ja voll kontraproduktiv. Aber sowas von.

Also werde ich mir einmal im Monat ein Thema rauspicken das mich besonders „beschäftigt“ und mich hier darüber auslassen. Vielleicht auch zwei mal.

Ich hoffe ihr habt Spaß daran.

Und dann möchte ich auch gleich mal ganz kurz und knapp einsteigen. Jetzt gerade haben wir ja noch Dezember, also darf ich mich dann im Januar noch einmal aufregen, auch wenn der Text erst Anfang Januar veröffentlicht wird.

Es geht um ein Phänomen, war aber Nachbarn und Bekannte auch bemerken. Die absolute Unverbindlichkeit der „Generation Whats Ap“ wenn es um Zusagen und Partys geht und um den echt krassen Zeitmangel.

z.B. als ich ganz am Anfang hier auf dem Platz war, wollte ich, nachdem mein Bauwagen endlich Bezugsfertig war eine kleine Party für meine Unterstützer geben. Leute bei denen ich Wäsche waschen oder ein Bad nehmen durfte, die mir mit Kontakten zu Yogajobs verhalfen und so weiter. Von ca. 20 Menschen, sagten rund 15 zu und 10 kamen dann letztendlich. Ich saß auf einer Menge Essen, weil KEINER abgesagt hatte.

Genau so ist es jetzt schon einige male abgelaufen. Menschen in meinem Bekanntenkreis registrieren so ein Verhalten auch, regen sich allerdings nicht darüber auf. Ich habe mich auch nicht wirklich aufgeregt, es hat mich nur … sagen wir … bedrückt. Ärgern tu ich mich nur dann, wenn obendrein noch meine Zeit geklaut wird, weil man von mir erwartet, dass ich mir Tage später dann die Zeit nehme um mir eine ausführliche Ausrede auftischen zu lassen. Ich frage mich wie meine Eltern ihre vielen Feiern hinbekommen haben, ohne Smartphone, Facebook und Alexa die ihre Termine koordiniert hat?

Ich habe das immer mal mitbekommen. Das Telefon hat geklingelt, meine Mutter ist ran gegangen und hat dann irgendwann gesagt „Ja gerne, da freuen wir uns, klar kommen wir.“ Dann hat sie in den Küchenkalender sowas eingetragen wie „Grillen bei Klaus und Petra“ und wenn mein Vater nach Hause gekommen ist hat sie gesagt „Wir gehen am Wochende zu Klaus und Petra zum grillen“ und mein Vater hat gesagt „Na Prima.“ Ende.

Ohne Schwierigkeiten. Beide gingen Arbeiten, hatten ein Haus im Schuß und sauber zu halten und drei Kinder von denen eins ich war. Und das zu einer Zeit wo man noch aufstehen musste um das Fernsehprogramm zu wechseln.

Auf eine Einladung nicht zu reagieren und nicht abzusagen, auch nicht wenn man zugesagt hat, finde ich schäbig.

Man könnte ja wenigstens ehrlich sein und sagen, dass man gerade im Stubenhockermodus ist und deswegen am liebsten zu Hause sitzt.

Ich besuche auch gerne mal jemanden. Ich kann das auch verstehen, weil ich ja kein richtiges Badezimmer habe. Aber genaugenommen, wenn ich mich zurück erinnere, war das auch schon als ich in meiner 3 Raumwohnung gewohnt habe. Zeit ist echt Mangelware. Deswegen wird sich noch nicht mal die Zeit genommen eine kurze Absage zu schicken. Darüber werde ich mich aber 2019 nicht mehr ärgern können, weil es keine feierlichen Anlässe mehr gebe. Also nur die wo die üblichen Verdächtigen eingeladen werden.

Schick gelöst. ;o)

Nachtrag: 9.1.2019 Tanja – Tiefenentspannt. Erst wollte ich den Text löschen und gar nicht veröffentlichen. Warum sollte man sich überhaupt noch über irgendwas aufregen. Aufregen sollte man sich tatsächlich überhaupt nicht. Weil man sich selbst damit schadet. Dennoch sollte man Dinge bemerken die einem nicht gut tun. Man muss sich nicht darüber aufregen, man sollte sie ansprechen. Auch seinem Gegenüber zu liebe der sich sonst vielleicht eine immer ärgere Rücksichtslosigkeit angewöhnt und dann traurig und erstaunt ist, wenn sich alle Menschen von ihm distanzieren.

Aber das braucht Mut. Ich brauche Mut. Man muss seine Grenzen seriös beobachten. Und wenn man sich das manchmal nicht traut, muss man etwas Anlauf nehmen um zu oft, zu heftig zu reagieren. So war/ ist es bei mir der Fall. War interessant das rauszuarbeiten. Gestern am Pfandautomaten. Es passiert jedes mal, dass besonders ältere Herren so dicht hinter mir stehen, dass ich ihren Atem im Nacken spüren kann. Ich habe immer angewiedert nach hinten geguckt, laut gestöhnt, mich nach hinten fallen lassen und wenn das nicht gefruchtet hat, habe ich mich umgedreht und gefragt ob ich sie auf die Schultern nehmen soll. Und ich hatte immer für ca. 5 Minuten einen Puls von 180.

Gestern ging es wieder los. Ich habe mich umgedreht und ihn gebeten einen Schritt zurück zu gehen und dabei gelächelt, er hat sich entschuldigt, ist einen Schritt zurück gegangen und beim weg gehen haben wir uns lächelnd einen schönen Tag gewünscht.

Danach beim einkaufen, eine Familie hatte zuviel Aufschnitt im Wagen liegen, hatte aber keine Lust sie wieder zurück ins Kühlregal zu bringen und ich kam dazu als man versuchte drei Packungen Salami zwischen dem Klopapier zu verstecken um sich 5 Schritte zu sparen. „Ein gesundes, neues Jahr wünsche ich ihnen. Die Wurst kommt dahinten hin, zwei Regale weiter, darf ich es ihnen zeigen?“ „Ne, schon gut, ich weiß es.“ „Das freut mich.“ Dann hat der Papa die Wurst zurück gebracht und das Kind im Einkaufswagen meinte „Guck mal der ihre Mütze. Was wollte die denn?“ „Die wollte nicht das der Papa die Sachen hier hin legt weil die noch von anderen Leuten gekauft werden sollen. Das macht man nicht.“ Und das Kind lächelte mich an und meinte zur Mutter „Warum hat sie so eine Mütze auf das sieht komisch aus.“

Und ich hab noch nicht mal gedacht „Das ist meine Frisur du Arschkind!“

 

2 Gedanken zu “Aufregen – Regt euch!

  1. OOOOrch, jetzt muss ich mal maulen – so ein kleines bisschen Explodieren, das ist doch frischer Pfeffer im Leben, das trennt die Spreu vom Weizen, das bringt die richtigen Leute zusammen – mit Papa Arschkind ist nicht gut scherzen, aber die nette Tante Körb hätte dem kleinen Arschgesicht schon die Geschichte von der Wurst im Klomantel erzählt… Oder im Kino ganz Chantal einen Aufstand hingelegt, da wären die Damen freiwillig gegangen… – „Chantal, – – – , heul leiser…“

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