Ich bin nicht die Queen

Als ich mit dem lieben Fräulein 2015 von einer Dreiraum Wohnung in eine Einraum Wohnung gezogen bin, hatte ich ja schon mal einen enormen, „ich löse mich von Dingen“ Prozess durchlitten. Alle die mir bei meinen zahlreichen Umzügen geholfen hatten, konnten ein Lied davon singen wie gerne ich schöne Dinge, Materialien und Stehrumsel gesammelt hatte.

2016 ging es ja von der Einraum Wohnung in den Bus und da waren noch mal ein Haufen Dinge die ich weg geben musste, da ich ja im Bus leben und mich bewegen wollte. Das war recht schwer und tat auch weh und selbst heute denke ich manchmal mit Wehmut an den bunten Porzelanpapageien mit den leuchtenden Augen zurück, ein Erbstück meiner Oma das kein anderer haben wollte. Oder meine Schildkrötensammlung, oder die bunten Vogelhäuschen die im Wohnzimmer hingen, oder das PollyPocket Prinzessinen Schloss in pink, dass von innen beleuchtet im Badezimmer stand.

Glücklicherweise ist eine meiner Schwestern mit ihrem getreuen Gatten Haus und Hof Besitzer. Somit konnte ich den Dachboden vollstellen mit den Sachen die ich nicht abgeben konnte. Von bestimmten Dingen konnte ich mich nicht frei machen, denn ich war davon überezugt, mein Zuhause ist erst dann ein richtiges Zuhause wenn ich … morgens Kaffee aus meiner Herztasse trinke und dabei aus dem Fenster gucke wo dieses Windspiel hängt und die Winkequeen davor steht. Mein Zuhause ist erst dann ein Zuhause wenn die Hühnergirlande an der Decke hängt und ein Karton mit Fotos in greifbarer Nähe steht. Und so weiter. Und tatsächlich, als ich nach meinem Abenteuer Spanien unter meiner Hühnergrtlande saß und Kaffee aus der Herzchentasse getrunken habe, fühlte ich mich wieder geborgen und geschützt. Ein paar Konstanten hatten wieder Einzug in mein Leben gehalten. Mein klappriges Rad genauso wie eine Truhe voller Bastelkram, ein paar unpraktische Klamotten und drei Teekannen.

Nun steh ich ja wieder in den Startlöchern. Wie ich da rein gekommen bin ist mir noch nicht so ganz klar. Aber sie ist ja noch immer da, die unbändige Lust zu laufen um irgendwo anzukommen. Und da ich ja viel Hundegassi gehe und dabei viel Zeit zum nachdenken habe und mir dabei tatsächlich immer die Besten Erleuchtungen kommen, wusste ich auf einmal, dass ich nie an einen neuen Ort ankommen werde, solange ich die alten Sachen mitschleife. Und Plötzlich war ich mehr als bereit mich von alten Sachen zu trennen. Dinge die ich jahrelang gehütet habe, weil sie mich an irgendwas erinnert haben und ich mich mit ihnen identifizeirt habe. 60% meines Ichs wollten sofort einen Flohmarkt veranstalten und, lieber sofort als später, alles verschenken, verkaufen oder weg werfen. Die restlichen 40% sitzen auf einem Haufen Strutz ohne wirklichen Nutzen wie Smaugh auf seinem Goldschatz und speien Feuer, Gift und Galle sobald irgendwas weg soll. Eine liebe Freudin hat schon immer ein Auge auf meine Hühnergirlande geworfen und bei einem Telefonat übernahmen die 60% auf einmal die Kontrolle und versprachen ihr das Dekoteil bald mal vorbei zu bringen, worauf die 40% nach dem Telefonat in Tränen ausbrachen. Ich verteile viele Sachen und einiges wird im Bauwagen bleiben.

Und bei einer Gassirunde dachte ich „Tanja, Tanja, du gibst dein ganzes Leben einfach so weg, dann hast du Nichts mehr, was bist du denn dann noch?“ dabei kam ich kaum vom Fleck weil mein Herz so schwer war und die Hunde mussten mich über den Acker ziehen. Der eiskalte Wind zauste mir durch die Locken und plötzlich dachte ich „Quatsch, das ist doch nicht mein Leben. Mein Leben nehme ich doch mit. Das ist doch maximal der Rahmen oder die Form meines derzeitigen Lebens. Ich bin doch nicht die Hühnergirlande. Ich bin nicht meine Herzchentasse und ich bin nicht die Winkequeen. (Das sollte eigentlich klar sein, aber ich war ganz schön erschrocken als es mir BEWUSST geworden ist) Das kann alles weg. Sonst ist es ja als hätte man eine Pflanze in einem Topf der zu klein geworden ist, möchte das sie weiter wächst und kauft deswegen einen größeren Topf und stellt am Ende einfach den kleinen Topf mit in den Größeren. Am Ende sieht es für Außen so aus als wäre da mehr Wurzelfreiheit und Platz sich zu entwickeln aber für die Pflanze ist es die gleiche Enge.

Oder – das Leben sind Diamanten die täglich mehr werden. Man hat eine superschöne Truhe, die aber leider irgendwann voll ist. Dann wirft man doch die ganze Truhe nicht weg. Sondern besorgt sich eine Neue, die besser passt und in die neue Truhe stellt man doch nicht die alte, kleine Truhe rein. Sonst ist sie ja gleich wieder voll. Obendrein noch mit Sachen die kein Leben sind, sondern nur ein altes Behältniss.

Mit der Erkenntniss war mir dann gleich weider ganz leicht ums Herz. Natürlich behalte ich ein paar Sachen. Aber nicht, weil ich mich damit identifiziere, sondern weil sie mir ab und an helfen sollen mich an Sachen zu erinnern die mich geprägt haben.

Aber an und für sich, finde ich das alles gerade sehr aufregend und ich fühle mich täglich leichter und somit entspannter und glücklicher. Nicht, dass ich mich vorher unglücklich gefühlt hätte, ich habe nur mein Glück getoppt.

Und so unfein es jetzt klingt, das selbe mache ich mit Menschen. Habe ich in Spanien noch versucht mit so vielen Personen wie möglich Kontakt zu halten, viele Menschen mit Briefen und Telefonaten zu erfreuen, werde ich das auf meiner nächsten Reise, wohin auch immer, garantiert nicht mehr machen. Ich durfte hier fest stellen, dass ich Menschen habe die immer ein Anker sind, die mir den Rücken stärken und mich immer so nehmen wie ich bin. Sie nehmen Anteil an meinem Leben, ohne ständig zu werten und zu hinterfragen und lassen mich an ihrem Leben teil haben. Wenn ich da hin schaue sehe ich offene Herzen und offene Arme.

Die meisten anderen Menschen, nun ja, die kennt man eben irgendwie. Man verspricht sich immer wieder mal vorbei zu kommen weil man sich ja unbedingt mal wieder treffen muss, vergisst es aber danach sofort wieder. Wenn facebook an einen Geburtstag erinnert gibt es mal kurz anstrengende Konversation, mehr aus Höflichkeit als aus Interesse und eigentlich hat man sich auch garnichts mehr zu sagen. Eine Menge Leute habe ich mit freundlichen Gedanken und den besten Wünschen für die Zukunft aus meinem Adressbuch gelöscht.

Und schon hatte ich gefühlt wieder noch mehr Platz und Zeit.

Ich glaube ich fühle mich ein bißchen wie ein vertikutierter Rasen. Auf einer Wolke.

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