Aufreger des Monats – Juni

Märtyrerinnen

Schon während meiner Kindheit durfte ich bei weiblichen Verwanten beobachten, wie sie sich mild, aber auch immer schmerzlich lächelnd aufgeopfert haben. Natürlich nicht, ohne das andere das mitbekamen. Das erste mal als ich das bewusst war genommen habe war beim Kaffeetrinken, bei irgend einem Geburtstag.

Ein Mann sagt „Ach guck mal hier, die Kaffeetasse hat einen Sprung.“

Die Frau zum Mann streckt die Hand aus und sagt: „Na dann nehme ich die.“ nimmt sich die Tasse mit dem Sprung und stellt die Tasse ohne Sprung ihrem Mann hin, der das mit einem Schulterzucken hin nimmt und sagt: „Wirf sie doch einfach weg und nimm eine andere.“ Sie sagt: „Nein, ich habe keine passende zum Kaffeegeschirr mehr und wenn ich mich schneide ist das nicht so schlimm.“

Jeder nimmt sich ein Stück Kuchen und einer sagt nach einem Bissen „Oh, die Buttercreme ist aber Fett, die ist zu lang geschlagen worden, da krieg ich bestimmt Sodbrennen nachher.“ Die Frau mit dem Sprung in der Tasse reicht ihren Teller hin: „Na dann mach mir das Stück Torte drauf, ich mag das jetzt auch nicht so, aber bevors zukommt.“ Danach isst sie den Kuchen den sie nicht will, dann einen Windbeutel. Bei einem Winbeutel ist die Sahne schon raus gelaufen und der sah nicht so gut aus wie die anderen. Mit einem milden Lächeln sagt sie „Ich nehme mal den häßlichen Windbeutel hier, sonst isst den ja keiner.“ Einmal den Blick geschärft fiel es mir immer öfter auf. Frauen die sich immer das kleinste Stück Kuchen, den kältesten Kaffee und den unbequemsten Stuhl nehmen. Die gleich, sobald man nur erwähnt, dass das Essen noch eine Spur Salz vertragen könnte, vom Tisch aufspringen und den Salzstreuer holen, obwohl sie selber gerade gegessen haben.

Als ich meiner Oma meine Beobachtungen mitteilte meinte diese „Ja, das ist so. Wenn du mal größer bist, dann verstehst du das und machsts bestimmt genau so. So sind Frauen nun mal.“

Und ich erinnere mich noch an ihren Entsetzten Blick, als ich ihr mitteilte, dass so etwas Idiotisches für mich nicht in die Tüte kommt.

Die Familien Männer auf diese Beobachtungen angesprochen, zuckten nur mit den Schultern. „Keiner sagt ihnen das sie so was machen sollen.“

Also ich wusste, ich werde es bleiben lassen.

Dann hatte ich meinen ersten Freund. Und ich zog zu ihm und seiner Mutter ins Haus. Die Dame des Hauses hatte sich vermutlich schon gefreut, jetzt kann sie die Hege und Pflege ihres erwachsenen Sohnes abgeben. Dann gab es solche Szenen, alles saßen am Tisch, der Typ kommt etwas später, läuft am Sprudelkasten vorbei, setzt sich hin und verkündet, er habe durst. Dabei guckt er mich erwartungsvoll an. Ich gucke Achselzuckend zurück. Nice to know, aber jetzt auch keine gehaltvolle Information. Seine Mutter guckt mich vorwurfsvoll an, stemmt sich ächzend hoch und geht schimpfend los um ihrem Sohn was zu trinken zu bringen. Sie schimpft aber nicht über ihr verwöhntes Plag, sondern über seine unnütze Freundin.

Solche Kleinigkeiten haben mich geprägt und deswegen pass ich meist ganz genau auf, wer etwas braucht oder einfach nur möchte.

Und ich werde wahnsinnig bei solchen Ausssagen wie „Ich …, aber ….“

Ich würde gerne mehr vegetarisch essen, aber mein Mann will das nicht.

Ich komme zu spät, weil ich meinen Jungs (14, 16) das Abendbrot hinstellen musste.

Ich darf keinen Grießbrei machen, weil mein Mann den nicht ißt.

Ich geh arbeiten und schmeiße den Haushalt ganz alleine, weil mein Mann mir nicht hilft.

Ich habe keine Freizeit weil ich die Jungs zum täglichen Fußballtraining fahren muss.

Ich kann nicht kommen, weil die Jung ein Fußballspiel haben, da muss ich mit zugucken und danach alle Trikots waschen.

Ich geh ans Telefon wenn mein Chef anruft, auch wenn ich gar keine Zeit habe und es noch andere gibt die er anrufen könnte.

Ja, der Typ behandelt mich schlecht, aber wenn ich ihn verlasse, dann hat er gar keinen mehr, seine Eltern sind schon gestorben.

Ja es ist schon lange Feierabend, aber ich seh noch, da liegt was rum, dann mach ich es schnell weg.

Es gab eine Zeit, da habe ich diese Märtyrerfrauen bemittleidet.

Manchmall habe ich mich sogar mit rein ziehen lassen, weil ich sie doch nicht mit der Arbeit alleine lassen konnte und es zu zweit schneller geht.

Genervt hat mich das schon immer. Aber in den letzten Wochen erlebe ich es wieder ganz massiv. Keine Ahnung warum? Will mir das Universum was sagen?

Ich besuche eine Bekannte, mit einem verknacksten Fuß. Wir sitzen da und trinken Kaffee. Es klingelt Sturm. Sie springt auf, humpelt durchs Haus und öffnet ihrem Sohn (27) die Türe. Der kommt rein, setzt sich neben mich und ruft seiner Mutter zu „Ich nehme auch nen Kaffee.“ und sie bringt ihm eine Tasse Kaffee, schwabt dabei ein bißchen über, weil sie humpelt und wagt zu fragen, warum er nicht seinen Haustürschlüssel benutzt, weil er doch weiß, dass sie nur schlecht laufen kann.               Er hatte ihn in der Tasche und es hätte länger gedauert ihn zu suchen, als zu warten, bis sie die Türe aufmacht und außerdem sitzt sie ja den ganzen Tag und Bewegung tut gut.

Sie lächelt schmerzlich in meine Richtung und meint „So sind alle Jungs.“ Ich sage „Ne Birgitt, so sind Assis. Und du hast deine Jungs so gemacht.“

Da ist nicht das Patriachat schuld, nicht die Gesellschaft und nicht die Gene. Märtyrerinnen schaffen unselbstständige, uneinsichtige mitleidlose, rückgradlose Menschen.

„Ich hab halt einen Sprachfehler und kann nicht Nein sagen.“

„Geh verdammt noch mal zum Logopäden!“

„Ich kümmere mich drum, weil sich sonst keiner drum kümmert.“

„Weils scheinbar niemandem wichtig ist!“

„Ohne mich läuft es nicht.“

„Toll, sei stolz drauf, dann hast du es geschafft, deine Familie kann sich noch nicht mal ein Brot schmieren wenn du es nicht tust. Deswegen bist du die wichtigste Person auf der ganzen Welt.“

Ich helfe gerne mal. Und wenn eine Freundin Stress hat, dann höre ich mir das auch gerne an und wenn sie Wert drauf legt, dann erzähle ich auch, was ich in der Situation tun würde.

Aber wenn ich mir über Monate hinweg immer das gleiche Geleier anhören kann und es ändert sich nichts an der Situation, weil die Madam den Arsch nicht hoch bekommt, dann reicht es mir auch.

Das hat nichts mit Egoismus zu tun. Aber ich bin mit selbst verpflichtet.

Einem Bekannten stand eine Zwangsräumung bevor und er fragte mich ob er Übergangsweise in meinen Gästewohnwagen ziehen kann.

Ich sagte ihm, auf keinen Fall, weil er lange genug Zeit hatte den Hintern hoch zu bekommen und alle an seiner Situation Schuld sind nur er nicht und ich keine Lust habe, dass er dann mit seinen versoffenen Kumpels bei mir auf dem Schuttplatz rumhängt, Strom verbraucht und auch nur nicht zahlt. Ich war dann eine fiese Sau und gemeinsame Bekannte fanden das auch ziemlich egoistisch und krass gemein und bescheinigten mir sehr viele Minuspunkte für mein Karmakonto. Aber he, wir haben mal zusammen im gleichen Haus gewohnt, wir waren weder Freunde noch Kumpels. Wir haben uns halt gekannt und immer mal ein Schwätzchen gehalten.

Er fand dann Unterschlupf bei einer anderen „Kumpeline“, die ich immer mal beim Hundegassi getroffen habe.

Gestern fing sie an zu flennen. Der Typ wohnt inzwischen fast drei Monate bei ihr, hinterlässt überall Dreck, frisst ihr und ihrem Kind das Essen weg und hat immer noch keine Wohnung gefunden, weil ihm keine gut genug ist und er im Umkreis von einem Kilometer sucht, weil er nicht so weit von seinen Kumpels weg wohnen will.

„Sag deinem Ex und ein paar seiner Freunde bescheid, die nehmen ihm die Haustürschlüssel weg und werfen ihm mit seinem Gelumbe vor sie Türe und wenn er aufmuckt, dann hol die Polizei.“

Erschrockener Blick „Ne, das kann ich doch nicht bringen, wo soll er denn dann hin?“

Ich habe mir das ganze Gewinsel angehört, weil wir den gleichen Weg hatten. Kaum war ich zu Hause, klingelte mein Telefon. „Überleg mal“, sagt sie weinend. „Ich komme gerade rein und dann sitzt der im Wohnzimmer und raucht und hat die Stiefel auf den Tisch gelegt.

„Ja und was soll ich da jetzt machen?“

„Ich wollte es dir ja nur erzählen.“

„Interessiert mich nicht. Wenn du so blöd bist, dann bitteschön. Aber du kannst mich doch nicht jedesmal anrufen und mich zutexten.“

Ich habe so eine schlechte Laune bekommen, dass ich meine eigenen Augenbrauen sehen konnte.

Und dann habe ich gedacht … diese Märthyrernummer geht mir wirklich ganz gewaltig auf den Piss. Ich könnte im dicken Strahl kotzen … und dann habe ich gedacht … He, da hab ich den Aufreger des Monats … und dann war ich wieder ein bißchen besser gelaunt.

3 Gedanken zu “Aufreger des Monats – Juni

    • Konsequentes darüber Lustig machen. Heiligensprechung zelebrieren und kleine Gebete dichten. Ich hatte letztens ein „Birgit du Lamm Gottes, die du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich unser, Amen“ angestimmt und dabei ganz salbungsvoll geguckt. Hat gut funktioniert. Verschenke Wundmale zum aufkleben.

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