Vom Glück Glück zu haben …

… und Schwestern

Mein Leben ist gelegentlich etwas unstet. Ich falle immer wieder auf die Füße. Aber das ich so weich auf die Füße falle liegt oftmals an den Menschen mit denen ich gesegnet bin.

Zum engsten Kreis meiner besten Freunde gehören auch meine beiden Schwestern. Ich weiß, dass es bei vielen Menschen nicht so ist. Ich kenne erwachsene Menschen, die ihre Geschwister nur mal beim Geburtstag der gemeinsamen Eltern sehen. Man hätte sich halt nicht viel zu sagen.

Keine Geschwistergruppe, mit den gleichen Eltern, ist denke ich aber so unterschiedlich wie Katrin, Nicol und ich.

Nicol z.B. hat viele Jahre als Fleischerei Fachverkäuferin gearbeitet. Könnte ich nicht. Sie wohnt in einem winzig, kleinen Dorf auf einem kleinen landwirtschaftsfreien Bauernhof und ihr Mann hat den Kuhstall zum Partykeller umgebaut. Sie und mein Schwager sind in einem Motorradclub, fahren auf viele Festivals, Konzerte und Bikertreffen, haben anstatt eines lieben Fräuleins zwei stramme Burschen. Ich bin gerne in dem kleinen Nest und habe diese Bande gerne um mich. Denn alle sind sehr zufrieden, lieben sich und ihr Leben.                                                                                                                                                  Ich würde dort nicht tot über den Zaun hängen wollen. Ich würde alles ganz anders machen.

Sie hätte sich auch nicht vorstellen können im Bauwagen zu leben. Weder mit noch ohne Mann.

Katrin lebt in einer Stadt in Bayern, arbeitet in der Suchtberatung und muss daher freundlich zu Leuten sein, die z.B. Haus und Hof in den Geldautomaten gesteckt haben. Also „Reiß dich zusammen du Depp und geh einfach nicht mehr da hin!“ wäre mein Therapieansatz aber nicht sinnvoll. Auch sie hat zwei Jungs und einen Freund, der auch zwei Jungs in die Beziehung gebracht hat. Sie wohnen also in einem kleinen Haus mit vier Jungs (9/10/11/15) einer Katze und einem Hund. Ich würde ihr Leben nicht geschenkt haben wollen, bin aber unheimlich glücklich da zu sein, weil es das perfekte Leben für diese Menschen ist.

Sie selber kennt ein Leben, wie ich es führe, aus ihren schlimmsten Albträumen. Nie, würde sie ohne Netz und doppelten Boden ins Leben ziehen.

Wie kommt es nun, dass wir drei uns gut verstehen? Warum ningeln meine Schwestern nicht an mir rum, ich soll wieder „normal“ werden, warum schämen sie sich nicht mit mir wegen meiner zerschlissenen Kleidung, halten meinen Minimalismus nicht für Armut, meinen Unwillen in ein „normalen“ Arbeitsalltag zurückzukehren nicht für Faulheit?

Weil sie wissen, dass wenn ich wollte, im 0 Komma Nichts oder sagen wir mal in ca. 3 Monaten wieder in normalen Trott drinnen sein könnte.

Wenn ich mich ständig beschweren würde, oder traurig und unzufrieden sein würde, würden die beiden nicht zögern, mich zu zweit zur Brust zu nehmen und eine ordentliche Ansage zu drücken. Das würde im übrigen Jede mit Jeder machen.

Mitglied im Landfrauenverein Kirtorf zu sein kommt mir tatsächlich genau so absurd vor wie anderen vielleicht ein Kompostklo zu benutzen. Mit einem Oldsmobil (läuft mit Gas) durch Würzburg zu cruisen, finden einige so merkwürdig wie zur Wildschweinjagd zu gehen oder sich an einer Waschschüssel zu waschen. Das Geheimnis unserer Freundschaft besteht nicht unbedingt aus Verständiss für unsere Lebensumstände, sondern mehr darin, dass wir uns alle nur das Beste und Glück und Zufriedenheit wünschen. Egal wie das nun für jeden einzelnen Aussieht. Deswegen können wir drei uns auch vollkommen Neidfrei begegnen. Weil wir uns nicht auf einer Ebene des Klagens, Jammerns und Beschwerens treffen, sondern immer was Witziges, Spannendes, Schönes und Inspirierendes zu erzählen haben.

Und jede kennt die andere so gut, dass sie es auch voll durchschauen würde, wenn man sich was vorspielt.

Ich glaube, man kann andere Lebensmodelle nur akzeptieren und/ oder tollerieren, wenn man selber zufrieden ist. Also im Großen und Ganzen. Natürlich scheint keinem von uns pausenlos die Sonne aus dem Hintern und dann gibt es schon Telefonate wo man gemeinsam schimpft, heult und flucht. Aber so unterm Strich tut jeder was er kann um in Bewegung Richtung Ziel zu kommen.

Nun gibt es aber auch ein paar Menschen, die sind davon überzeugt, dass sie ihr Leben 100% richtig gestalten und alle die das nicht wenigstens in Anteilen genau so machen, können nicht Zufrieden sein. Die machen sich was vor und schaffen es nur nicht und reden sich ihr Versagen schön. Man kann nicht glücklich sein, wenn man keine 200 Handtücher hat! Man kann ohne Raclettegrill und Vorwerkstaubsauger nicht zufrieden sein!

Das ist ungefähr so, als wenn das liebe Fräulein plötzlich Vollverschleiert vor mir stehen würde um mir mitzuteilen, dass sie nun die Zweitfrau von XY ist und heute noch in den Dschihad zieht um für den IS zu kämpfen. Da würde ich natürlich auch erstmal glauben, dass sie mich verarschen will und dann, dass ihr irgendwer das Gehirn mit Microwellenstrahlen verschmorrt hat oder so.

Also auch ich habe Grenzen. Deswegen habe ich auch Verständniss wenn jemand kein Verständniss hat.

Aber wenn man mich oder die meinen abnervt und meint jedem eine Kasette ins Ohr schieben zu können oder Tipps hat wie man sich mir gegenüber verhalten sollte um mich wieder auf die Spuhr zu bringen, dann pisst mich das an. Aber so derbe, dass ich tatsächlich Sodbrennen bekomme.

Und dann braucht man auch nicht verschämt zum lieben Fräulein schleichen und „Hab gehört deine Mutter ist rausgeflogen.“ sagen. Das hat nämlich keiner gehört, sondern verdammt noch mal bei facebook gelesen! Vermutlich weil ICH es da gepostet habe. Wohlkaum weil mir irgendwas peinlich wäre.

Mir ist nichts peinlich.

Doch natürlich schon, aber damals gabs gottlob noch keine Handys mit Kamera und, dem Herr seis gepriesen und getrommelt, kein Internet.

Mir wäre es auch nicht peinlich – wenn man mich denn nehmen würde – wieder bei meiner alten Arbeit anzufagen. Es wäre mir nicht peinlich als Agent in einer Box zu sitzen und zu telefonieren oder irgend was anderes zu machen. Es wäre mir auch nicht peinlich jemanden als Vorgesetzten zu haben, dessen Teamleiter ich vorher war.

Aber es wäre mir peinlich mein Leben so verstreichen zu lassen, zwischen Arbeit und Wochenende, zwischen Wochenenden und Urlaub … von Termin, zu Termin, mich Montags schon auf Freitag Abend freuen und versuchen die Zeit dazwischen schnellstmöglich tot zu schlagen. Das wäre mir nichts. Es wäre mir peinlich nicht zumindest zu versuchen das Maximale aus meinem Leben raus zu holen. Also das was für mich das Maximale ist. Und da steck ich den ein oder anderen Rückschlag gerne ein.

Und wenn ich was anderes machen will, dann heußt es eben nicht, dass ich unglücklich mit den alten war. Ich war glücklich im Bauwagen. Das war keine Notlösung! Es wäre viel einfacher gewesen eine normale Wohnung zu beziehen. Für das Geld was ich in den Bauwagen gesteckt habe, hätte ich gut und gerne die Kaution und drei Monate Miete für eine Wohnung in Halle bezahlen können. Aber ich hatte keine Lust das zu tun. Und dann hatte ich keine Lust mehr auf den Bauwagen.

Selbst als ich mit meiner liebsten Ute und meinem kaputten Bus Tempo 20 bei schlimmstem Unwetter über die Pyrenäen gezuckelt bin, kein Geld in der Tasche nur die ADAC Goldkarte (Danke Steven) war ich größtenteils glücklich. Und ohne ADAC Goldkarte wäre ich auch glücklich gewesen. Zwar etwas weniger, aber glücklich. Weil Ute dabei war. Weil ich Freunde habe, weil ich gesund bin, weil ich eine wundervolle selbstständige Tochter habe die auch glücklich ist, weil ich zwei tolle Hunde habe, weil ich immer was zu essen bekomme und es überall Wasser gibt. Weil die Sonne scheint und es manchmal regnet. Weil die meisten Menschen gut sind und das Leben ein Süßigkeitenladen. Natürlich liegen auch Gelefrüchte, Dominosteine und Erfrischungsstäbchen in den Regalen und ich habe gerade mal einen trockenen Lebkuchen vom letzten Jahr erwischt. Aber sobald ich den runtergekaut und mit einem Bier runtergespült habe geht’s weiter. Ich bin manchmal ratlos, verzweifelt und etwas down. Aber ich bin glücklich.

Es bleibt spannend.

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