Auf dem Gestüt …

… und danach

Ich setzte mich also wie geplant am Donnerstag in einen Mietwagen und fahre mit all meinem Gelumpe und meinen beiden Hunden Richtung Norden.

Ein bißchen traurig, weil ich die Zeit mit meiner Schwester und ihrer Familie sehr genossen habe, aber auch mit sehr vielen guten Gedanken, Erwartungen und einem leichten Herzen.

Nach 4 Stunden erreichte ich den riesengroßen Gutshof und wurde auch schon freudig und freundlich erwartet. Mitten im Grünen, rundherum viele Felder und Wälder, ich war beeindruckt.

Man erreicht die Wohnräume nur durch die Ställe, die aber sehr gut aussahen, mit blank polierten Keramik Futterdrögen und goldgelben Stroh. Überall standen Kisten mit frischem Gemüse für die Pferde. Dann betrat ich die Wohnräume und dachte ich spinne. Ein riesiger Wintergarten mit Kamin und so einer breiten Treppe wo Prinzessinen runter tribbeln, überall schwere alte Möbel. Alles voller Spinnweben, fingerdick Staub und Dreck, jeder Raum eine Baustelle und ÜBERALL Kisten mit Lebensmittel. Die würden die Geschäfte sonst wegschmeißen und deswegen bekommt sie der Hof um die Tiere damit zu füttern. Also jeden Tag wird ein Hänger in die nahe Kleinstadt gefahren und die Händler entsorgen alles darin. Das wäre ja ein toller Gedanke, wenn man es z.B. zur Tafel fahren würde, oder mit anderen Menschen teilen würde. Aber die Dame des Hauses schien alles für sich zu behalten. „Wir leben hier wie im Schlaraffenland, nehmen sie sich was sie wollen.“ wurde mir gesagt und ich hätte a liebsten gekotzt. Packungen mit Milch und sogar Mandel und Sojamilch standen, mit dicken Bäuchen hoch aufgetürmt, Jogurt wo der Deckel fast explodiert, dicke Fischdosen, vor vielen Jahren abgelaufen, ein Wäschekorb voller Butterstücke … da ich ja irgendwas essen musste, nahm ich mit ein Päckchen Zwieback und eine Tube Schokocreme. Beides erst im August diesen Jahres abgelaufen.

Die alte Dame jammerte die ganze Zeit und meinte sie würde sich so freuen, dass ich da wäre. Das endlich jemand hier Ordnung schaffen würde und Staub wischen würde. Ich meinte „Das kriegen wir bestimmt hin.“ und sie meinte „Ja, aber es darf nichts verräumt werden. Alles soll da stehen und liegen bleiben wo es ist.“ Damit meinte sie auch endlose viele Papierstabel, Fotostabel und Zeitungsstabel. In dem Haus hätten locker 20 Leute wohnen können. Aber überall standen Möbel und Lebensmittel. In dem Bad fehlt noch das Klo, in dem anderen muss nur noch die Dusche eingebaut werden, überall Baustelle, hängende Kabel, Schmutz.

Dann wurde ich zu meinem Haus gebracht. Weil ich mit den Hunden nicht im Haupthaus wohnen kann. Ein kleines Waldstück, ohne Weg, da stand die Hütte drinne. Ein Rohbau mit einem Müllberg davor. Ein schmutziges Klo, ein siffiges Waschbecken, blanker Beton, nur mit einem hastig hingestellten Ölradiator und einem Heizstrahler zu heizen. Dann wurde es auch schon dunkel. Aber richtig schwarz. Keine Straßenlaterne, keine Nachbarn, keine befestigte Straße. Ich saß mit einer Pferdedecke auf meinem Klappbett vor dem Heizstrahler und habe jämerlich gefroren. Es war die dunkelste, gruseligste und eckeligste Nacht und auch noch Halloween. Und ich saß fest. Draußen hatte ich mir im Halbdunkeln schon die Hand an einem Dornengestrüpp aufgerissen und im ganz Dunkeln wollte ich auf keinen Fall durch das Waldstück laufen.

Ich lag dann mit meinen armen Hunden zitternd unter der Pferdedecke, döste immer mal kurz weg aber lag die meiste Zeit wach.

Was sollte das? Selbst wenn die Hütte nicht in einem Funkloch stehen würde und halbwegs warm und gemütlich wäre, stehe ich im Nichts. Nach Einbruch der Dunkelheit bin ich alleiner als alleine. Und Tagsüber auch nur mit zwei alten Leuten zusammen, die auf dem letzen Loch pfeifen und das alles nur machen, weil die Oma ihrem Sohn nicht den Hof geben möchte, weil sie mit seiner Freundin nicht klar kommt. Und sie jammert den ganzen Tag der Zeit nach wo sie noch von Morgens bis Abends zufassen konnte. Es bricht mir das Herz, tut mir leid ihr zwei Alten, aber ne.

Bei Tagesanbruch packte ich zusammen, schrieb eine sms und fuhr Richtung Halle/ Leipzig.

Schnauze voll. Die Bauernhof Idee war ganz gut und ich hätte gerne so gelebt wie in Neuhaus, ohne den ekeligen Bauern, aber es ist halt nicht möglich. Aus und vorbei … vorläufig.

Was irgendwie komisch ist, ich habe in den letzten Wochen so viel erlebt, so viel gesehen und so viele Menschen kennen gelernt, dass es mir vorkommt wie viele Monate. Aber meine Abschiedsparty ist nur 5 Wochen her.

Jetzt bin ich wieder zurück und es liegen immer noch Partyreste um den Bauwagen rum. Als wäre ich in ein Zeitloch gefallen oder hätte nur eine Schleife gemacht. Ich bin erstmal in den Zirkuswagen gezogen, in dem ich 2017 schon mal einen Monat gehaust habe. Anke und das liebe Fräulein haben sich gefreut mich wieder zu sehen, die anderen sind noch unterwegs.

Ich habe das Auto abgegeben und bin kurz einkaufen gegangen.

Am Abend als ich dann mit dem lieben Fräulein im Wagen gesessen habe, es war warm und wir haben ein Landsberger Bier getrunken, da habe ich mich zum ersten mal seit gefühlten 100 Jahren, entspannt gefühlt. Und ich habe wirklich gut geschlafen.

Aber das hier ist keine Dauerlösung. Nicht mal bis Ende des Jahres.

Bei Netto haben sie Teilzeitkräfte gesucht. Da werde ich Montag meine Bewerbung abgeben. Und in der Südstadt gibt es sehr günstige Einraumwohnungen.

Wenn in die anvisierte Wohnung in Leipzig nicht bekomme, dann bleibe ich erstmal in Halle, mache irgend einen Job und versuche ein bißchen Geld anzusparen.

Das werde ich nicht lange durchhalten.

Aber außer einer Lesebrille habe ich noch ein paar Dinge von meiner Reise mitgebracht.

Frei sein ist nicht so einfach. Weil man hat auch die Freiheit zu frieren und hunger zu haben. Wenn man aber noch für andere Wesen Verantwortung hat wird es richtig schwer weil man sie mit reinzieht. Der alte Hund ist einfach zu alt. Den haben die letzten 5 Wochen ganz arg mitgenommen und Fibie hat das auch nicht so ohne weggesteckt. Ja, natürlich ist es am wichtigsten, dass ich da bin. Aber meine Hunde brauchen eine freundliche Umgebung. Einen warmen Platz und eine weiche Decke. Aber diese Anspannung war zu heftig.

Aber … jetzt mal im Ernst … geschworen! So lange der alte Hund noch lebt, wird es keine Verrücktheiten mehr geben. Job, Wohnung, Haftpflichtversicherung, Hundesteuer, Tralala, wie die meisten anderen in Deutschland auch.

Es bleibt spannend … bis es langweilig wird.

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