Geschichten aus dem Supermarkt

Früher als ich noch wirklich richtig klein war, also nicht nur klein, sondern auch noch so jung, dass man mir meine Anziehsachen rausgelegt hat, hatte ich alte Tanten. Das waren keine echte Tanten, sondern entfernte weibliche Verwante oder Freundinnen meiner Omas. Diese alten Tanten schleppten immer Gelefrüchte an. Sie übergaben einem das Zeug und man lächelte und sagte Danke und es waren die Süßigkeiten die man dann weiter verschenkte. Keiner hats gegessen. Keine meiner kleinen Schwestern hat je das Zeug mit mir getauscht, gegen vielleicht ein Überraschungsei. Ne da waren wir uns einig. Gelefrüchte sind was ganz ekeliges.

Die alten Tanten sind gestorben und ich bin dann irgendwann erwachsen, bzw. älter geworden. Irgendwann hatte ich mal einen Freund mit kleinem Kind und musste mit ansehen, wie das arme Mädchen, von alten Tanten Gelefrüchte geschenkt bekam. Und ich sah in dem kleinen Gesichte den selben Wiederwillen den ich selbst 35 Jahre vorher verspürt habe.

Und ich dachte „Meine Fresse, sterben die nicht irgendwann aus, die alten Tanten mit ihren scheiß Gelefrüchten!“

Jetzt arbeite ich ja seit einem Monat in einem großen Supermarkt und packe dort Kartons aus. Mein erster Tag war in der Süßwarenabteilung und ich dachte ich würde es nicht gut aushalten dort. Vor meinem inneren Auge habe ich mich schon zwischen Kartons liegen und abwechselnd Mäusespeck, Schokolade, Brause und Kartoffelchips in die Futterluke schieben sehen, während der Sicherheitsdienst versucht mich von den Regalen wegzuzerren.

Nun ich habe da einen kleinen Hubwagen, mit Kartons drauf gestabelt, nehme den ersten runter, mache ihn auf und sehe … Gelefrüchte. Weder die Packung noch die Form hat sich in den letzten Jahren geändert. Und in allen Kartons waren Gelefrüchte. Gelebananen war der Bärenanteil und der Rest…einmal quer durch den Obstgarten. Ich bekam leicht Panik. Kommt gleich irgend eine alte Tante, mit einer haarigen Warze, spuckt in ihr Taschentuch und wischt mir damit übers Gesicht, bevor ich die ganzen Gelefrüchte mit nach Hause nehmen muss?

Die Kartons waren kurz darauf leer. Und wir haben vor Weihnachten noch etliche Kartons aufgestellt. Nie habe ich Bewusst jemanden gesehen, der nach einer Packung Gelefrüchte gegriffen hätte. Aber am nächsten Morgen, war schon wieder Platz für neue Kartons.

In den Tagen vor Weihnachten wurde der Supermarkt überflutet von sehr alten Leuten, die alleine schon deswegen einen Einkaufswagen nehmen mussten um sich daran fest zu halten. Und ich wurde ganz, ganz oft – aber nur von alten Männern – gefragt „Junge Frau, wo stehn denn die Filinchen“

oder „Junge Frau, wo stehen denn die Gräupchen.“ Ich fande das so niedlich.

Nach Dorschleber hat mich nie einer gefragt. Dennoch fande sie reißenden Absatz. Womit ich jetzt schlußfolgere – Leipziger über 60, ernähren sich zur Weihnachtszeit von Graupensuppe, Filinchen mit Dorschleber und Gelefrüchten. Sehr, sehr Merkwürdig.

Ich dachte das kommt halt im Alter. Vielleicht wacht man morgens auf und denkt „Gelefrüchte, die brauch ich jetzt.“ Ich habe dann mal an einer Gelebanane geknabbert, aber ich warte noch 20 Jahre.

Die Woche vor Weihnachten bin ich aus dem Grinsen nicht mehr raus gekommen. Jedes Klische wurde aufs vortrefflichste bedient. Verzweifelte Ehemänner die mit Einkaufslisten zwischen den Regalen rumgeistern.

Nie werde ich den kleinen Mann, mit beigen Halbschuhen vergessen, der fast geflennt hatte, weil das Miracel Wipp alle war. Seine Frau hatte Miracel Wipp auf den Zettel geschrieben und nicht etwa „irgend eine Salatmayonaise“. Er wollte, dass ich sofort ins Lager gehe und gucke. War aber nicht möglich. Erst alt er eingesehen hat, dass keiner das Lager nach seinem Produkt durchsucht, hat er, auf meinen Vorschlag hin, seine Frau angerufen und dann musste ich mit ihr reden und dann hat er irgend eine Salatmayonaise genommen.

Pärchen, die durch die Gänge wandern, er schiebt einen Einkaufswagen mit 3 bis 4 Sachen drin, sie guckt und irgendwann fragt er „So, haben wir jetzt alles?“ und die Madam ist gerade erst mal warm gelaufen. Sie guckt ihn an und er wird ganz blass weil er jetzt merkt, dass er den Wagen noch mindestens eine Stunde im Schneckentempo durch die Gänge schiebt.

Oder die Pärchen die schreiend durch die Gänge rasen, er:“Aber das steht doch nicht auf dem Einkaufszettel!!!!“ sie: NA UND! DANN HAB ICHS VERGESSEN, ABER JETZT IST ES MIR WIEDER EINGEFALLEN!“

Ich habe viel gelacht … und gekocht vor Wut.

Ich meine, das Menschen irgendwann einfällt, dass sie irgendwas nicht haben möchten und es irgendwo hin legen, ist schon faul und fies. Aber die Arschgeigen, die sich erst großkotzig x große Stücken Rinderkadaver in einen Beutel packen lassen, weil sie es nicht geschissen bekommen zu merken, dass es nur 100 Gramm sind und eine ganze Scheibe aber 400 Gramm wiegt, dann nicht den Arsch in der Hose haben zu sagen, dass es ihnen zu teuer ist und das ganze Päckchen irgendwo verstecken , damit man es erst dann findet, wenn man es nur noch weg werfen kann … schämt euch! Aber richtig. Ich will gar nicht wissen wie viele Tiere für die Abfalltonne geschlachtet werden. Ich könnte im dicken Strahl kotzen wenn ich daran denke. Nur damit der letzte Schnarchsack, der es dann doch noch schafft, 5 Minuten vor der Angst einkaufen zu gehen, auch noch die volle Auswahl hat.

Das macht mich echt krank und traurig.

Aber meistens geht’s mir gut.

Ist ja nicht für immer. 😉

Ein Gedanke zu “Geschichten aus dem Supermarkt

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