So will ich das nicht!

 
 
Es muss sich was ändern, das geht so nicht. Was nützt es, um 10:30 Uhr Feierabend zu haben, wenn man den ganzen Tag nicht aus der Hüfte kommt. Meine viele Freizeit konnte ich bisher kaum sinnvoll nutzen. Was nützt ein freier Tag in der Woche, wenn man trotzdem um 4 Uhr morgens hellwach im Bett sitzt und nicht mehr einschlafen kann. Und vor allem … man huckt schwere Kartons, zerfetzt sich die Pfoten … und das Geld reicht gerade so.
Natürlich habe ich echt nette Kolleginnen und es ist schön morgens erst mal ein Schwätzchen zu halten. Aber irgendwie entpuppt sich mein Betrieb immer mehr als Enttäuschung.
 
Ich habe das ein oder andere schon mal erzählt, dass ich mir bei meinem Job manchmal vorkomme wie in einer Sozialstudie, oder in einer Wallraff Doku. Und ich habe wirklich interessante Erkenntnisse gewonnen. Irgendwie nichts Neues. Aber da ich mich so ein bisschen als „Außenstehend“ betrachte, da ich hier nicht alt werde, also noch sehr viel älter, kann ich da etwas unbefangener drauf gucken.
Also … der ist der Betrieb, wo alle eine Familie sind, wo respektvoll miteinander umgegangen wird und man sich auf Augenhöhe begegnet. Soweit das große Wandbild im Personal Flur.
Die Augenhöhe ist noch nicht mal bei der Behandlung der Mitarbeiter gegeben. Geschweige denn bei der Bezahlung. Und wie es der Herr will, sind die Menschen, die um 5 Uhr morgens Kartons auspacken und Regale einräumen, sehr weit unten angesiedelt.
Noch vor den Typen an der Müllpresse, zusammen mit den Reinigungskräften, aber sehr weit hinter den Menschen die an der Kasse sitzen und an die Edlen vom Infostand, den können wir noch nicht mal das Wasser reichen.
Zur großen Belustigung scheint man anzunehmen, dass der Verstand mit der Hierarchie steigt. Muss ich extra erwähnen, dass das nicht so ist.
Interessant ist auch, dass niemand vom Bodensatz im Betriebsrat ist.
Wenn davon gesprochen wird, dass die „Höheren“ kommen, dann bedeutet das nicht, dass wir alles aufräumen, weil der Dalai Lama hier einkaufen geht.
Am Anfang war ich echt erschrocken, was man sich hier bieten lassen darf und manche haben mir echt leidgetan. Wenn manche z. B. ohne Vorwarnung für die nächste Woche auf 9 Stunden geplant werden, nur weil plötzlich Weihnachten ist. Die 4 Überstunden die sich so täglich ansammeln, werden nicht extra vergütet, wenn man sie sich ausbezahlen lässt. Da bleibt nicht viel übrig. Und wenn man sie abfeiern möchte, dann kann man noch nicht mal selber entscheiden, oder bekommt länger im Voraus gesagt, wann das ist. Aber da ich es ablehne so viele Überstunden zu machen, tangiert mich das nicht wirklich.
Zumal ich demnächst noch einen kleinen 450€ habe, der auch zu einem normalen Halbtagsjob werden kann, wenn ich im Jetzigen vor die Türe gesetzt werde.
 
Und dann passiert gerade was, ich glaube, das ist typisch deutsch. Wenn ich berechtigte Forderungen stelle, kommt kein entsetztes Gesicht aus der „Chefetage“, sondern von einigen, älteren Kollegen.
„Wir haben das bisher alle ausgehalten.“ „Das ist halt so.“ „Da muss man halt durch.“ Diese Bissigkeit wenn jemand aus der Reihe tanzt und was Gewohntes auf den Kopf stellen will. Kleines Beispiel … ich bin z. B. jeden Tag bis 10:30 eingeplant. Steche ich mich ein paar Minuten später aus, weil ich z. B. noch einen Karton fertig eingeräumt habe, dann wird die Zeit einfach gestrichen. Also bemühe ich mich, dass ich sehr, sehr pünktlich fertig werde. Es war mal wieder Feierabend und eine Kollegin meinte, ich sollte noch schnell mal eine Palette hinten ins Lager fahren und ich sagte „Nö, ich habe Feierabend.“ „Mensch die paar Minuten, wenn das jeder machen würde!“
„Wenn das jeder machen würde, dann würde man uns die paar Minuten irgendwann einfach mit gut schreiben.“
Während meinem ersten Monat habe ich das nicht gewusst, dass die Zeit so streng überwacht wird und, weil ich sorgfältig alles wegpacken wollte, bestimmt eine gute Stunde verschenkt. Bin ich bekloppt?
Aber da wird der Kopf demütig zur Seite geneigt, wie ein kleines Täubchen und mit milder Stimme noch Verständnis für die kapitalistischen Ausbeuter gegurrt und man heftet dich selber die „Ich halte alles aus.“ Lorbeeren an den kaputten Wanst.
 
Wisst ihr warum es nie, nie, nie ein bedingungsloses Grundeinkommen geben wird? Warum sogar die Geringverdiener gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen sind? Weil das jeder hätte. Am Ende sogar Leute, die es nicht verdient hätten. Solche Assis von „Armes Deutschland“ oder „Taff“. Oder sogar irgendwelche Wirtschaftsflüchtlinge. Und bevor die dann so was kriegen, da verzichtet man lieber selber drauf. Und von „Oben“ ist man gegen das bedingungslose Grundeinkommen, weil der Bodensatz nicht mehr auf sich rumtrampeln lassen würde. Man müsste der Putzfrau vielleicht sogar einen guten Morgen wünschen und seinen Arbeitern einen sauberen Pausenraum zur Verfügung stellen. Die würden vielleicht am nächsten Tag gar nicht mehr kommen wenn ich sie behandel wie Scheiße und zu übermäßigen Überstunden zwingen will. Jetzt hab ich sie ja voll in der Hand, weil sie ja 50 € mehr als Harz 4 haben. Die Trottel.
Und wenn man in der unteren Führungsebene Leute mit 0 Sozialkompetenz und Empathie, sitzen hat, dann erhält man auch eine schöne Grundstimmung mit viel Neid und Missgunst und dann passen die schon gegenseitig auf sich auf, dass niemand aus der Reihe tanzt.
Und ich habe diesen ganzen fetten Arsch so vor mir, sehe ihn jeden Tag … und bekomme es nicht auf die Reihe ein Ende zu machen. Was sagt uns das? Sogar ein Misthaufen kann eine Komfortzone sein. Eigentlich unglaublich.
Aber ich habe derzeit keine glorreiche Idee. Nur zwei Hunde. Ach Mist.

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