Der Platz zum bleiben …

… ist gefunden … glaube ich … also fast …

Ich sitze ja hier und bin seit WOCHEN etwas angepisst. Und ich musste krass überlegen was ich jetzt wohl mache. Das ganze führt aber zu rein garnichts wenn man noch nicht mal weiß was man will. Und was ich wollen würde, wollte mir einfach nicht mehr einfallen. Vor allem weil ich ja nicht weiß ob ich noch will was ich wollte wenn ich es erstmal habe und so weiter.

Dann hat die wunderbare Taissa alle Einträge in meinem Blog gelesen und das hat dazu geführt, dass ich ein paar Meldungen bekommen habe, dass jemand Beiträge von mir gelikt hat, die ich vor sehr langer zeit geschrieben habe, an die ich mich garnicht mehr erinnern konnte. Und dann habe ich von schlauen Erkenntnissen gelesen, die ich mal hatte. Aber alle Erkenntnisse helfen nichts, wenn man sie gleich wieder vergisst. Und somit hat mich Taissa, ohne es zu wissen, wach gerüttelt. Oder zumindest den Rüttler angestellt.

Mit beschämen musste ich feststellen, dass ich so ein bißchen Kleinkindmäßig rumgreine, weil ich immer genau das haben will, was ich nicht kriegen kann. Und manchmal ziehe ich Sachen zum Trotz durch. Gegen wen ich trotze? Gegen meinen Schweinehund, was manchmal gut ist. Leider manchmal auch gegen meinen Verstand, was wieder schlecht ist.

Die Sache mit dem „Platz zum bleiben“ …

Ich bin ja in einem Dorf aufgewachsen. Damit meine ich kein Nest wie Seehausen. Sondern so ein richtiges Dorf. Mit Dorfjugendlichen, heimlichen Zigaretten am „Bänkelchen“, Bauernhöfe, Backhaus, freiwillige Feuerwehr, Burschenschaft, Kirmes, Bus in die Schule, jeder kennt jeden, mit dem Mofa zur Disco… und obwohl wir nur wenige Fernsehprogramme hatten und keine 24/7 organisierte Freizeitgestalltung, waren alle irgendiwe beschäftigt ohne einander tot zu prügeln. Mein Lieblingstag war Donnerstag wegen der Bravo und am liebsten hab ich Ed von Schleck Eis gegessen. Egal jetzt.

Mein Traum war es immer, so bezeugen es meine Tagebücher, in Treysa (für mich damals eine richtige Stadt) zu wohnen. Und zwar in der Wagnergasse. Was damals für mich das coolste überhaupt war.

Später in der 9. Klasse sollten wir mal eine Obstkiste gestalten die den Titel „Meine Zukunft“ hatte. Ich malte die Berliner Mauer um die Seitenteile und innen rein klebte ich als Hochhäuser angemalte Klorollen. Ich hatte nämlich einmal die Gelegenheit eine Woche nach West Berlin zu fahren. Und ich habe es so geliebt. Die Klamotten, die Möglichkeiten, die Kneipen, die Menschen… ich habe mir Overknees mitgebracht und alle haben gelacht und meinten ich würde Strapse tragen und in meinem Zimmer hing der U-Bahn Plan von Berlin und ich habe es kaum erwarten können 18 zu werden um sofort nach Berlin zu ziehen. Aber mit 18 bin ich erstmal nach Winterscheid gezogen. Damals fast 200 Einwohner. Also nicht ganz Berlin. Danach gings nach Lispenhausen mit bestimmt 10 mal so vielen Einwohnern und 3 km entfernt von Rotenburg, das sogar einen Bahnhof hatte.

Mit 22 bin ich ja dann tatsächlich in eine richtige Stadt gezogen. Halle an der Saale. Ziemlich schnell hatte ich, immer mit dem lieben Fräulein im Tragetuch, die ganze Stadt erkundet. Ich kannte mich bald besser aus als der feine Herr, der in Halle geboren wurde und sein ganzes Leben dort verbrachte. In 20 Jahren habe ich in 7 verschiedenen Wohnungen gewohnt, aber immer ziemlich Zentrumnahe. Ich war überall mit dem Rad, ziemlich viel im Grünen, hatte immer blumige Balkone und einen Schrebergarten. Ich war joggen, gärtnern, feiern, arbeiten, abhängen, schwimmen … und hatte viele Menschen mit denen ich ausgekommen bin.

In einer Stadt findet sich nämlich immer jemand, der deinen Spleen teilt. Ein paar Tatoos und einen Ring durch die Nase hauen heute selbst in Kleinkleckersdorf niemanden mehr aus den Schuhen, aber man redet doch über anderes. Hab ich ja auch im Fichtelgebirge gemerkt. Obwohl man quasi kaum Privatsphäre hat, bleiben die Gesprächsthemen oft oberflächlich, weil man weitgehend versucht nicht aus der Reihe zu tanzen, damit nicht über einen geredet wird. Vielleicht hat sich das in den letzten 20 Jahren ja geändert, aber zu meiner Zeit war es so.

Aber durch verschiedene Situationen wurde mein Bedürniss nach Meer, Natur und Ruhe so mächtig, dass ich es in Halle kaum mehr aushalten konnte. Föhr war da eigentlich perfekt. Aber wenn die Touristen im Herbst die Insel verlassen wäre es dann doch langweilig geworden. Also wenn man neu ist noch keine Freunde hat, dann ist das da eben schwer und weil der Pool von Leuten auch recht überschaubar ist, hängt man am Ende mit Menschen ab, mit denen man nicht abhängen würde, hätte man die Wahl.

In Spanien habe ich zwar Zitronen gepflückt und viel erlebt, lag aber trotzdem nach ein paar Monaten heulend auf dem Bett und habe „Straßenbahnfarten durch Halle“ auf Youtube geguckt. Ich habe mit meinen schäbigen Klamotten und schmutzigen Fingernägeln unter der prallen Sonne gestanden, Annett Louisan gehört und mich nach schöner Wäsche und Nagellack gesehnt. Die meisten Aussteiger sind mit übelst auf den Schweller gegangen mit ihrem Gerede und ihrer Besserwisserei. Die meisten Schwätzer und selbsternannten Gurus findet man nämlich in der alternativen Aussteigerszene. Wenn man nämlich ein bißchen über sich nachdenkt und sich selber einfach mal was traut, dann weiß man automatisch über alle anderen Bescheid was die brauchen und kann dann beratschlagen und bewerten. Diese „Manjana Manjana“ Mentalität hat mich so fertig gemacht. Alles was ich am Anfang so süß und toll gefunden habe ist mir so an die Nerven gegangen und als ich mich nach einem Jahr wieder in der Stadt Halle angemeldet habe war das wie eine warme Decke. Ich weiß noch, als ich aus dem Rathaus raus gekommen bin, hatte sich das so angefühlt, als müssten jetzt alle Pasanten auf dem Markt anfangen zu tanzen und „Unsere kleine Stadt…“ singen. Ich habe mich in der Stadt so zuhause gefühlt, dass ich den ganzen Tag in Hausschuhen hätte rumlaufen können. Vielleicht erklärt das auch, wenn manche in Trainingshosen durch die Straßen laufen… sie sind da einfach zu Hause.

Im Winter hatte ich im Bauwagen immer die Idee von Italien. Ich habe verschiedene Italienisch Lernprogramme und war sogar schon recht weit. Aber die Interesse bestand nur bis die Temperaturen im zweistelligen Bereich waren. Irgendwann war mir Halle einfach zu eng. Und ich war auf dem Schuttplatz sehr, sehr einsam. Deswegen hatte ich dann plötzlich den Gehirnschiss vom Leben auf dem Dorf. Landfrauenverein, Sportverein, Gesangsverein, Schwätzchen übern Gartenzaun, Arbeiten im Garten, Stall, Kühe … das alles hatte auf einmal einen unheimlichen Reiz, als wenn ich das Dorfleben nur aus den Landideen Heftchen kennen würde. Manchmal sitze ich da und versuche meine Gedanken nachzuvollziehen. Keine Chance. Und ich weiß doch, dass ich nach Spanien gesagt habe, dass ich nie wieder, länger als einen Fußmarsch von einer Stunde von einem dm Laden ziehen würde. Ja ich mag Hühner und ich würde gerne Imkern und ich liebe Gartenarbeit. Das Leben im Bauwagen war fantastisch und irgendiwe trauere ich der Zeit immer noch ein wenig nach. Aber ich würde NIE in eine Wagenburg ziehen. Und ich kann solche Entscheidungen auch nicht mehr alleine treffen, weil ich nicht mehr alleine bin.

Nun bin ich ja in Leipzig gelandet. Oder besser am Arsch von Leipzig. Und Leipziger und Hallenser … das ist ein bißchen so wie Schrecksbächer und Röllshäuser. Der Gedanke in Leipzig sesshaft zu werden kam mir immer ein bißchen wie Verrat vor.

Vor ein paar Wochen habe ich auf dem Balkon meines Freundes gestanden und auf die Straße geguckt. Ein Teil von mir hat sich etwas zuhause gefühlt. Nur behindert von dem Trotzteil der die ganze Zeit nach Kühen, Hühnern und Wald geplärt hat. Seit dem denke ich und überlege ich noch mehr.

Gestern hatte ich ein Vorstellungsgespräch und bin 5km mit dem Rad durch die Stadt gedüst und habe plötzlich gemerkt, dass ich mich dabei echt wohl fühle. Ich bin auf dem Radweg dahin gebrettert wäre ein paar mal fast überfahren worden, hätte fast selber einen Fußgänger überfahren, war auf dem Weg dann gleich mal einkaufen und war total anonym mittendrinn.

Und der Gedanke morgens im Schlafanzug auf dem Balkon zu sitzen und die Stadt unter sich zu haben, fand ich plötzlich ganz reizvoll. Und wieder eine Weile unterwegs zu sein um in einen Schrebergarten zu fahren fand ich auch garnicht mehr so schlimm.

Natürlich gibt es in der Stadt viele Bekloppte. Aber auf dem Dorf auch. Da merkt man es vielleicht nicht sofort weil auch die nur versuchen sich anzupassen.

Solange mir niemand einen kleinen Bauernhof mit Reetdach und Bauerngarten in die Innenstadt von Halle stellt, werde ich wohl nicht so 110%ig zufrieden sein. Aber selbst dann wäre ich es nicht, weil die ganzen Kids dann an meinem Zaun rumhängen und ihn mit Grafittis beschmieren würden.

Aber jetzt mal im Enst… ich glaube ich bin tatsächlich ein Stadtkind. Ein naturverliebtes Stadtkind. Sehr schizophren. Aber da mein Frühstücks-, Mittags-, Abendbrotmann eine therapeutische Wirkung auf mich hat, werde ich das hinbekommen. Und ob ich mit den Hunden durch einen Park renne oder über ein Feld. Denen ist das Furzegal. Und egal wo man ist, wahrscheinlich gibt es überall den ein oder anderen Grund sich zu ärgern und zu Zweit hält man es einfach besser aus.

Ok, das WO ist erstmal fast geklärt. Und am WAS arbeite ich gerade mit Druck. Es bleibt spannend.

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