Der Preis der Freiheit II

Vor vielen Monaten hatte ich hier einen Beitrag geschrieben, den ich den „Preis der Freiheit“ genannt habe. Es ging um das Leben im Bauwagen bei Minus 20 Grad. Damals war ich der Ansicht, dass ein abgefrorener Zeh nur ein kleiner Preis für die Freiheit auf ein Selbstbestimmtes Leben ist. Nun, jetzt lebe ich seit einem halben Jahr in einer Wohnung mit fließend warm Wasser, Strom satt und Zentralheizung und kann sagen … ein abgefrorener Zeh ist noch nicht mal der Rede wert und absolut kein hoher Preis für ein freies Leben.

Vorgestern war ich mal im Sachsenpark, ich habe Kaffee gebraucht und wollte mal ein paar Kolleginnen Hallo sagen.

Einige sind wohl der Ansicht, dass ich deswegen nicht weiter dort beschäftigt wurde, weil meine Blogartikel doch etwas „aufmüpfig“ sind. Damit wurde auf den Text zur Probezeitkündigung angespielt. Ich meinte „Nun ja, aber erst kam die Kündigung, dann der Text dazu.“

Aber vielleicht hätte ich ja in der Bäckerei anfangen können, wenn ich den Text nicht geschrieben hätte.

Nun klar. Vielleicht. Vielleicht lass ich mir alles stillschweigend gefallen, um zwischen 4 Uhr Morgens und 20 Uhr Abends für Mindestlohn, in Schichten arbeiten gehen zu dürfen. Nur weil Manche denken, der Schuppen steht über dem Gesetz. Ähm … ich denke nicht.

Jeder hat seinen Preis und wenn z.B. das liebe Fräulein noch bei mir wohnen würde und zur Schule gehen müsste – also noch Minderjährig wäre – dann würde ich mich natürlich ein bißchen zurück nehmen.

20200201_110834Der alte Hund feiert ja dieses Jahr seinen 17. Geburtstag. Ihn hat unser Urlaub auf dem Schuttplatz sehr viel Spaß gemacht, aber auch total erschöpft. Wieder zuhause angekommen ist er aufs Bett gesprungen und hat fast bis zum nächsten Morgen durchgeschlafen. Nicht gefressen, nicht getrunken, nur geschnarcht.

Also auch für den lieben Hund würde ich die Füsse still halten, damit ich hier in der Betonburg bleiben kann.

Aber würde ich mich von irgend einem kleinen Lullifred rumschickanieren lassen, nur um … mir Amazon Prime oder Netflix leisten zu können? Um 3 Schlafanzüge zu besitzen oder ein zweites Paar Turnschuhe?

Ich erledige meinen Abwasch seit einem halben Jahr im Badezimmer Waschbecken. Ein neuer Spülsschrank würde nur 150€ kosten. Aber ich habe über zwei Jahre gar kein Waschbecken gehabt und das Wasser in Kanistern mit der Schubkarre geholt. Und jetzt sind mir zwei kleine Schritte vom Herd ins Badezimmer zu viel? Und deswegen würde ich mehr als zwei Tage einen unschönen Job machen um mir ein Möbel zu kaufen, was nicht wirklich sein muss? Ähm … alles gut, ich habe nur eine andere Definition von Luxus.

Das liebe Fräulein und ich haben ja erst im Urlaub zusammen gesessen, an einem aus Holzresten zusammen gezimmerten Tisch, auf Klappstülen vom Sperrmüll, in Klamotten aus dem An und Verkauf … (und zugegeben – ich mit einer Frisur die man sonst nur im Zoo im Genitalbereich von Löwen sieht) und wir redeten sehr lange darüber, wie leicht das Leben ist, wenn man kaum Ansprüche an materiellen Dingen hat. Wie wenig Existenzangst man hat, wenn sich die Existenz nur auf einen selbst bezieht und nicht auf eine bezahlbare Wohnung, ein funktionierendes Auto, einen Flachbildschirm und Dekoschnulli. Natürlich sind auch wir Freunde von schönen Dingen. Im Februar hatte ich mir Bettwäsche gekauft. Ungebraucht. Neu! Von Tchibo. Dunkelblau mit ganz vielen Sternen. Auf 9€ runter gesetzt. Und im April habe ich mir mal zwei neue Müslischüsseln gegönnt. Mit wunderschönen grünen Mustern. Ich habe sie viele Wochen angeschmachtet, weil sie mir echt gut gefallen haben. Plötzlich waren sie 70% reduziert. Das Fräulein und ich sind schon immer gerne durch die Stadt gebummelt und haben Schaufenster geguckt und sind sogar in solche Läden wie NANUNANA reingegangen und haben Dinge angefingert, die wir echt süß fanden. Aber ich finde Wombats und Faultiere auch süß. Wir können stundenlang darüber reden wie schön es wäre ein Faultier zu haben, und wie wir es füttern würden oder was für schöne Selfies wir damit machen könnten … aber trotzdem hängt keins von der Decke und damit können wir genausogut leben wie ohne Brotbackmaschine.

Und wenig Geld zu haben pisst mich auch manchmal ganz schön an. Immer wenn meine Neffen Geburtstag haben. Zwar würden sie nie was sagen und sie lassen sich auch nichts anmerken und meckern sogar wenn ich mich entschuldige … aber ich wäre trotzdem gerne mal die Tante die mit irgendwas Coolem um die Ecke kommt.

Aber so für mich … passt immer noch das meiste. Ich habe nicht mehr Wünsche als damals mit einem richtigen Job in einer 3 Raum Wohnung.

Deswegen beneide ich auch wirklich, wirklich keinen meiner Freunde. Nicht um ein Haus, nicht um Klamotten und nicht um Urlaub.

Zwar sitz ich wegen dem alten Hund hier in dieser Situation hier etwas fest … aber ich gehe davon aus, dass ich um dem alten Hund beneidet werde.

Und ich nutze die Zeit.

Und ich habe einen Garten. Deswegen ist es vollkommen unnötig die Stimme zu senken wenn man mit mir redet, als hätte ich nur noch 2 Tage zu leben.

Oder das Gesicht schmerzerfüllt zu verziehen wenn ich um die Ecke komme, als hätte ich eine offene Wunde am Kopf.

Ja, ich werde erstmal Harz 4 bekommen. Ja, das sind fast 100€ weniger als bisher. Also werde ich mir vermutlich in nächster Zeit keine Innline Skater kaufen. Ich werde auch erstmal nicht zum Friseur gehen.

Ich habe bei der VHS Leipzig die selben Kurse angeboten wie ich sie in Halle gegeben habe und man wartet dort nur auf das Ende von Corona oder ein vernünftiges Hygiene Konzept … dann …,

bis dahin gehe ich vielleicht irgendwo putzen … mit Klamotten!

Dann habe ich überlegt, ob ich doch nochmal eine Weiterbildung starte. Ich habe zwar eine Menge Skills, aber nicht so die Ahnung wie man die zu einem Gesamtpaket schnüren kann. Aber irgendwas Fantastisches passiert ja immer irgendwie.

Und das fantastische für mich ist … ich bleibe immer ich. Mit großem Maul, breitem Hintern, impulsiv und ehrlich. Das ist nicht immer einfach. Aber für mich einfach ein Luxus – für den ich auch einen Preis zahle – der für manche zu hoch wäre, aber für mich ganz ok ist (auch wenn ich manchmal schlucken muss).

 

 

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