Flirten mit der Vergangenheit

Bevor ich im Laufe diesen Jahres noch zum eigentlichen wichtigen Thema komme, möchte ich noch auf ein anderes Thema zu schreiben kommen. Die einen wirds bestimmt sehr ärgern, den ein oder anderen hoffentlich verlegen machen, aber die meisten amüsieren. Und da ich keine Namen nenne … aber aus aktuellem Anlass…

Ich nenns mal … Das flirten auf Facebook – mit der Vergangenheit. Ja, ich bekomme natürlich auch regelmäßige Freundschaftsanfragen von verwitweten US Amerikanischen Soldaten die sich unsterblich in mein Profilfoto verliebt haben und demnächst nach Deutschland ziehen wollen um dort mit mir eine Familie zu gründen und mich auf Ewig auf Händen zu tragen. Aber da löscht man einfach die Anfrage, meldet das Profil und gut ist.

Was mich in den letzten Jahren und besonders während der Coronazeit fasziniert hat, sind ganz andere Prinzen.

Ich meine die meisten hier auf Facebook kenne ich aus meiner Schulzeit. Oder es sind ehemalige Kollegen, Hier sind einige darunter die ich seit 40 Jahren kenne. Ganz schön krass.

Da sind viele darunter mit denen ich seit dem letzten viertel Jahrhundert kein Wort gewechselt habe, aber ich finde es dennoch schön auf den Profilfotos die Veränderung zu sehen, die Kinder die ihnen manchmal sehr ähnlich sehen, zu lesen mit welchen Dingen sie sich beschäftigen und ich freue mich für jeden Einzelnen, der einigermaßen zufrieden rüber kommt, auch bei denen die mich früher gepiesackt haben. Inzwischen mag ich alle und ob sie nun Linedance machen, zu Gott gefunden haben oder regelmäßig nach Mallorca reisen. Auch wenn man persönlich schon lange nichts mehr miteinander zu tun hat, würde mir jeder einzelne fehlen, irgendwie. Und wenn plötzlich eine Nachricht kommt „Hey, wie gehts dir?“, dann freu ich mich auch und man schreibt sich ein bisschen.

Aber dazu muss man sich ja nicht treffen und einen großen Tamtam darum machen, facebook ist ausreichend. Aber es gibt tatsächlich, so einmal im Quartal, jemanden der einen anschreibt, sehr harsch daran erinnert, dass man ja mal vor 30 Jahren zusammen auf einem Squealer Konzert war, oder auf einer Kirmes zusammen am Tresen auf sein Bier gewartet hat, oder zusammen im gleichen Ort gewohnt hat und nun möchte man mich mal übers Wochenende besuchen. In Halle, in Spanien hatte ich auch drei Anfragen und nun in Leipzig. Die beliebteste Antwort auf die Frage „Woher kennen wir uns eigentlich um gotteswillen?“ ist tatsächlich, „Ich hab mal mit deinem Vater zusammen geschafft.“ gefolgt von „Ich war in der Klasse / Parallelklasse von deiner Schwester.“

He, das ist natürlich ein Grund ein ganzes Wochenende mit dir in Leipzig zu verbringen. Und was ist denn das für eine Frage, natürlich darfst du auf meinem Sofa schlafen und in der Wohnung rauchen. Für dich mach ich sogar ein großes Stück Fleisch. Denn wir waren beim Kinderfasching mal beide als Indianer verkleidet. Und meine besten Freunde aus der Jungschar Christlicher Pfadfinder. Da hat man sich doch ne Menge zu erzählen.

Einmal waren wir mit dem Bus auf irgend einem Ausflug, ich hab mich nicht getraut aufs Klo zu gehen, aus Angst man würde mich da vergessen. Ich wäre fast ohnmächtig geworden. Beim nach Hause laufen hab ich es nicht mehr ausgehalten, aber es hat in Strömen geregnet. Also hab ich irgendwann so getan als würde ich ausrutschen, hab mich in eine Pfütze geworfen und es einfach laufen lassen. Ich erinnere mich an das Gefühl der absoluten Erleichterung und Glückseligkeit. Meine JCP Kameraden haben nur versucht mich zu schnell aus der Pfütze raus zu ziehen, deswegen musste ich mich besonders blöd anstellen, weil ich noch nicht fertig war. Das hat mein Image als „ein bisschen komisch“ schon früh gefestigt.

So, das war witzig. Aber auch schnell erzählt. Und jetzt weiß es eh jeder, also nicht notwendig übers Wochenende her zu kommen.

Am liebsten sind mir natürlich die, die gerade von ihrer Frau geschieden sind. Natürlich waren die Scheißweiber schuld und den einzigen Fehler den man gemacht hat war, zu viel zu arbeiten um seiner Frau was zu bieten. Und nun sitzt man da und darf seine 1 – X Kinder nur jedes zweite Wochenende sehen. Und dann sitzt man vorm PC, der Bauch friert ein bisschen weil er inzwischen unter dem Shirt raus guckt und die Geheimratsecken gehen bis zur Fontanelle und surft durchs Netz, ist auf facebook und erinnert sich daran, dass ich in der 7 Klasse mal einen Liebesbrief geschrieben habe.

„Na Momo, weißt du noch, du warst mal ganz schön verknallt in mich.“

„Ja in der 7. Klasse.“

„Du hast mir sogar einen richtigen Liebesbrief geschrieben. Den hab ich bestimmt noch irgend wo.“

„Glaub ich nicht. Du bist damals damit johlend durch die Schule gelaufen und hast ihn mit deinen Freunden auf dem Raucherplatz in den Schlamm getreten.“

„Ach du bist wohl nachtragend.“

„Nein, ich bin immer noch in dich verknallt und habe die letzten 35 Jahre nur auf dich gewartet. Also komm schnell mal vorbei.“

Hey, zwei Humanoide Singles, die beide ihre Jugend in der Schwalm verbracht haben. Brauch es da noch mehr Gemeinsamkeiten? Das passt schon.

Falls sich jetzt einer das Hirn zermartert wer das gewesen sein könnte, kaum eine Chance. Ich war in der 7. Klasse in jeden verknallt der ein Mofa hatte, seine Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger gehalten , Jacken mit Schulterpolstern getragen hat und gekonnt zwischen den Zähnen durch, gezielt spucken konnte. Aber vergessen wir nicht das das zu einer Zeit war wo Arnold Schwarzenecker als Conan der Barbar die Schlüppis zum brennen gebracht hat. Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

Und Unterhaltungen wie „Kennst du noch früher, der x aus Willingshausen, der mit der x aus Merzhausen mal was hatte und dann Steuerberater in Treysa war in dem Haus wo früher der Plattenladen war? Dem sein Bruder wollte von meinem Onkel den Schweinestall pachten.“ halt mich für Arrogant, aber das Interessiert mich einen Scheiß. Nicht weil ich mein Leben für spannender halte. Es interessiert mich nun halt mal nicht. Ja, wenn ich immer noch in dich verknallt wäre, würde ich an deinen Lippen hängen und diese Infos aufsaugen. Aber in den letzten 35 Jahren habe ich mich halt verändert. Also nicht nur, dass ich keine Leopardenstretchhosen mehr trage, auch sonst so.

Und ich habe mich verändert weil ich viel gelernt habe aus meinen Fehlern. Leopardenstretchhosen kaschieren keinen dicken Hintern. Wenn man sich schon einmal übergeben hat, sollte man auf keinen Fall weiter Bier trinken und falls man das doch macht, wird der Typ neben dem du aufwachst sich vermutlich nicht seiner Mutter vorstellen. Oder, wenn er sich nicht mehr meldet, hatte er im seltensten Fall einen schlimmen Unfall, sondern hat einfach keinen Bock darauf dich wieder zu sehen. Diese Lektionen lernt man am besten in jungen Jahren.

Aber klar, die Lokalmatadoren von früher haben sich erst jetzt die Hörner abgestoßen. Verschiedene Kinder von verschiedenen Frauen, manche sogar erst im Grundschulalter, die Hälfte des Gehalts geht für Unterhaltszahlungen und Anwälte drauf, da hätte man gerne jemanden neben dem man aufwacht, Kaffee trinkt, händchenhaltend spazieren geht und Abends einschläft. Kann ich nachvollziehen. Aber sollte mich das irgendwie jucken? Bin ich Florencee Nightingale?

Vielleicht hat es früher mal gereicht die gleiche Frisur wie Rick Astley zu haben und ein besonders verwegenes Lächeln aufzusetzen. Die Mitgliedschaft einer Band war auch sehr hilfreich. Aber wenn da in den letzten Jahren keine Skills dazugekommen sind, dann ist das irgendwie ungünstig.

Und wenn dein Profil voller Grillwürste, Bilder im besoffenen Zustand, Fußballnews, dicken Autos und ähnlichem ist und du das mit meinem Profil vergleichst … muss man doch sehr unterbelichtet sein, wenn man glaubt mit mir was anfangen zu können.

Ja, ja. Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.

Meine Güte wer glaubt denn, dass ich eine Beziehung in 300 km Entfernung eingehe nur um der Spatz in der Hand zu sein.

Ich würde mich gerne mit einigen Frauen von früher wieder treffen, weil da viele kreative Köpfe darunter sind. Also auf einen Kaffee. In meiner Freundeliste sind eine Menge kreativer Handarbeitsfeen.

Mit denen hätte ich Gesprächsstoff.

Aber ihr verlassenen und zurückgebliebenen Männer, denen zwischen 40 und 50 plötzlich einfällt, dass sie keine 20 mehr sind.

Die plötzlich merken, dass auf einem Parkplatz stehen, mit offenem Kofferraum und lauter Metallmusik , nicht mehr so cool ist.

Die leise ahnen, das die kichernden Mädchen nicht aus schüchterner Verlegenheit kichern, sondern sich tatsächlich lustig machen.

Ihr habt einfach mal echt Pech gehabt.

PS: Meine kleine Schwester hat mir gerade gesagt, ich sollte doch noch was Nettes schreiben.

Es liegt an mir und nicht an dir.

Ich hab dich nicht verdient.

Es kommt nicht auf die Größe an.

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