Medienmenschen

Ich wäre gerne eine gutbezahlte Autorin. Nicht für Sexheftchen, sondern für witzige Romane. Aber da mir es eben nicht vergönnt ist, putze ich derzeit noch Treppenhäuser. Ich kenne Menschen, die würden gerne mit ihrer Musik Geld verdienen. Trotzdem stehen sie auf dem Bau, in Gärtnereien oder arbeiten in Callcentern. Ich kenne Menschen, die können fotorealistisch malen und zapfen Bier, um ihre Miete bezahlen zu können. So ist das Leben eben. Nicht jedem scheint es vergönnt einen coolen Beruf zu haben, der sich gut auf einer Visitenkarte macht.
Es sei den, man hat etwas mit Journalismus, Zeitungen oder Magazinen gemacht. Die scheinen für die letzten Plinzen noch eine Seite frei machen zu können.
Leider, leider, gibt es nicht so viele spannende Geschichten, die gerne gelesen werden. Deswegen wird immer der gleiche Rotz aufgewärmt. Wer kennt sie nicht die Geschichte von der Veganerin, die per Gerichtsbeschluss dazu verurteilt wurde ihrem Kind drei Mal die Woche Fleisch zu servieren. Das ist einmal vorgekommen, vor vielen Jahren, in einem anderen Land. Und regelmäßig wird die Geschichte wieder hervorgeholt und gedruckt bzw. ins Netz gestellt. Was irgend welche Forscher vor Jahren mal über Veganer rausgefunden haben wollen, wird für ein paar Klicks wieder und wieder hochgekocht. Eine Pädagogin – wobei Pädagogin kein geschützter Begriff ist und sich quasi jeder so nennen kann, ich bin Natur und Umweltpädagogin – das ist kein akademischer Titel, findet, man sollte sein Baby fragen, bevor man es wickelt. Eine Person findet das so und es ist tatsächlich notwendig, dass jede Zeitung diese MEINUNG von einer Person veröffentlicht und es ist auch wichtig, ein Probeabo abzuschließen, um den ganzen Artikel lesen zu können. Das macht natürlich keiner, aber dennoch wird kommentiert. Voller Hass und Häme. Ein EXPERTE, was auch immer ihn zum Experten macht und aus welchem Gully sie ihre Experten auch immer rausziehen, vermutet, dass irgend was knapp wird, und schon rennen alle los und kaufen das wie blöd. Irgendwelche Influencer tun ihre Meinung kund. IHRE MEINUNG. Und natürlich darf jeder eine Meinung haben. Aber wenn, einst seriöse Nachrichtenmagazine plötzlich jede Meinung von jedem Influencer – der die wahre Meinung hat, ins Netz stellen, dann kommt mir schon die Galle hoch, wenn ich die Schlagzeilen zum Kaffee präsentiert bekomme. Der Spiegel berichtet von Olaf Scholz, der sich untersteht, in Jeans und T-Shirt in der Ukraine herumzulaufen. Und dazu wird dann auch berichtet, was die Twitter User „Annegret 54“ und „HugoErdbeere“ dazu zu sagen haben. Na das ist doch mal Journalismus.
Man darf solche Artikel nicht anklicken und schon gar nicht kommentieren. Man muss sie ignorieren. Selbst die Zeit oder die Süddeutsche haben reißerische Überschriften die nur Klicks generieren sollen und am besten noch Abos. Es ist zum Heulen. Jedes Mal merke ich auf Neue, dass ich nicht informiert werde, sondern man meine Meinung formen will. Wer die richtige Meinung hat, zeigt klare Kante. Wer hinterfragt oder kritisiert schwurbelt.
Ich kann es ja verstehen, dass es cool ist in die Kneipe zu kommen, alle haben schon ein Bier weg und man lässt sich so geschafft auf einen Stuhl fallen, ordert matt mit einer Hand ein Bier und sagt „Sorry Leute, wir hatten bis jetzt Redaktionssitzung.“ Es ist beeindruckend, wenn man sich vorzeitig von der Familienfeier verabschieden kann. „Sorry Tante Hildrun, wir haben gleich ein Meeting.“ Oder erst gar nicht erscheinen muss. „Sorry Tante Hildrun, ich muss die Deadline einhalten. Schickt mir den Mettigel ins Büro.“
Ich würde auch gerne pfeiferauchend, auf der Buchmesse aus meinem Werk vorlesen. Nein, ich putze und ruiniere mir meine Fingernägel. Ich sitze nicht mit einem MacBook in einem kleinen Cafe und lass mich vom vorbeieilendem Volk inspirieren, nein, ich sitze nach der Arbeit mit meinem siffigen uralt Labtop im Bett und habe inzwischen Verbrennungen auf den Oberschenkeln.

Es werden doch immer Pflegekräfte gesucht, genau wie Reinigungskräfte. Habt ihr schon mal daran gedacht, anstatt euch immer neue Überschriften, Experten oder Meinungen aus dem Arsch zu ziehen und die Leute verrückt zu machen, euch beruflich umzuorientieren? Um euer Karma willen. Der ein oder andere Zeitungs- oder Fernsehmensch wird sich nach seiner Wiedergeburt bestimmt unter einem dunklen feuchten Stein wieder finden. Da braucht ihr euch dann nicht wundern. Und Kellerasseln haben eine Lebenserwartung von zwei Jahren. Die können sich ganz schön ziehen. Wäre es da nicht besser, sein Leben ein wenig mit wirklicher Wichtigkeit zu gestalten?
Wäre bestimmt eine Überlegung wert.

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