Schmutzige Jobs

Ich habe zwar immer irgendwas gearbeitet, war aber auch immer irgendwie auf Jobsuche, da ich niemand bin, der auf einem unbefriedigenden Job, bis zur Rente, ausharren möchte. Da hatte ich schon vor vielen Jahren ein paar Begegnungen der 3. Art und von Dieses, gebündelt mit den neuesten Ereignissen, möchte ich heute berichten. Zur Unterhaltung, zur Abschreckung und um den Puls steigen zu lassen.
Vor ca. 20 Jahren war ich tatsächlich richtig arbeitslos, weil man mit einem kleinen Kind nur schwer einen gescheiten Job findet. Vom Arbeitsamt wurde ich zu einem privaten Jobvermittler geschickt. Ich fuhr also in die Südstadt in eine Privatwohnung. Da standen ein paar Schuhe vor der Türe, ich war 5 Minuten zu früh und auf mein Klingeln öffnete mir ein Mann, mitte 50 in Boxershorts und Bademantel.
Er entschuldigte sich, er hätte gerade noch gebadet und alle wären zu früh, deswegen ist er noch in Unterhosen. Durch die Türe sah ich zwei ältere Damen sitzen, ohne Schuhe, die sich krampfhaft an ihre Handtaschen geklammert haben. Deswegen habe ich mich dann auch rein getraut. Aber meine Schuhe habe ich nicht ausgezogen. Ich bin mit Docs über seinen Teppich gelatscht. Der Herr zog sich nicht an, sondern setzte sich so dazu, gab den beiden Älteren Zettel, wo sie sich melden sollten, das eine, eine Kantine und das andere ein Zeitungsladen. Dann schickte er sie nach Hause und ich saß alleine da. Er sagte grinsend „Und nun zu uns zwei.“ Ich sagte „Ziehen sie sich doch erst mal was an. „Er schlüpfte vor mir in seine Jeans und meinte „Na, na, sie könnten meine Enkeltochter sein. Da brauchen sie doch keine Angst zu haben.“ Und dann meinte er, er hätte keinen Job für mich, aber da er noch ein zweites Standbein hätte, könnte ich für ihn arbeiten. Er zückte ein Kärtchen „Begleitservice Hans im Glück“ und meinte, es ginge nur um Begleitung und das Geld, was ich zusätzlich verdienen würde, dürfte ich auch für mich behalten. Er gab mir einen Fragebogen mit dem Titel „Wie weit würden sie gehen“ da konnte ich ankreuzen, welche Sprachen ich spreche, über welche Themen ich mich unterhalten kann, welche Standardtänze ich kann und ob ich auch zu Oral und Analverkehr bereit bin.
Als ich dankend ablehnte, drohte er damit, dass meine Bezüge gesperrt werden, wenn er beim Arbeitsamt anruft und sagt, dass ich so unflexibel bin. Ich wollte den Fragebogen mitnehmen, das ließ er aber nicht zu und ich rannte so aus der Wohnung. Meine Sachbearbeiterin beim Arbeitsamt meinte bei einem Telefonat, dass Begleitservice ja nichts mit Prostitution zu tun hätte und ich ja irgendwie langsam mal wieder ins Arbeitsleben kommen müsste. Meine Bezüge wurden nicht gekürzt. Aber überlegt mal, wie viele Frauen vielleicht so, aus Angst, in die Prostitution gerutscht sind.
Ein paar Jahre später, ich hatte schon einen Job, bewarb ich mich in einem kleinen Callcenter. Es wurde gut bezahlt, es war alles so fair und arbeitnehmerfreundlich, dass ich natürlich sofort misstrauisch geworden bin. Den Grund dafür fand ich dann im Arbeitsvertrag. Die Firma liebte ihre Mitarbeiter so sehr, dass diese auch eine private Rentenversicherung abschließen sollten. Die ist dann aber auch gleich vom Bruttolohn abgezogen worden. Und da diese Firma aber saugut bezahlt hat, sind die knappen 300€ gar nicht so aufgefallen. Es wäre immer noch mehr übrig geblieben, als bei meinem Job den ich zu der Zeit hatte, wo ich einen Stundenlohn von 6,76 € hatte.
Nach ein paar Stunden Recherche und etwas Hilfe, fand ich heraus, dass diese Gruppe deutschlandweit arbeitet.

Einen kleinen Callcenter aufmacht, ca. 200 Menschen versichert und nach ca. 2 Monaten pleite geht, während ihre Mitarbeiter plötzlich sauteure Versicherungen zu bezahlen haben, die erst in 2 Jahren gekündigt werden können. In Berlin soll sich sogar jemand umgebracht haben, weil sie durch die Versicherung total verschuldet war.
Heute wäre das nicht mehr so einfach möglich.Aber wer weiß, wenn man Menschen findet die naiv oder verzweifelt genug sind.
Vor ein paar Wochen. … ich habe als Hauswirtschafterin und Alltagsbegleitung inseriert.Folgendes passiert.Ein netter Herr rief an, direkt aus der Textilbranche. Er verwies mich, um seine Seriosität zu beweisen, auf eine Internetseite von einem Unternehmen, das Textilien testet.
Er hat den idealen Job für mich. 18€ Stundenlohn für Klamotten tragen von H&M und ähnlichen Läden. Ich sagte, dass ich 1,58 m groß, 10 kg zu viel wiege und 46 Jahre bin, also nicht zur H&M Zielgruppe gehöre. Er beteuerte mir, dass gerade ich genau richtig bin, weil ich zur neusten Zielgruppe gehöre. Jeder der mich kennt, weiß, dass Mode und Fashion genau meine Themen sind, also habe ich mir das mal angehört.
Ein DHL Bote kommt, bringt mir die neuste Kollektion, ich trage sie eine Woche und dann kommt der Bote wieder und holt das Zeug ab und bringt gleich das Nächste. Ich schreibe dann Berichte über die Festigkeit der Nähte und den Tragekomfort.
Ich telefonierte höflich weiter, weil ich die ganze Zeit drauf gewartet habe, dass er mir Kontodaten gibt, damit ich erst mal 100€ Schutzgebühr bezahlen kann. Mit diesen Daten wollte ich dann zur Polizei gehen. Vor ein paar Jahren ist das nämlich mal ein paar Bekannten passiert, die haben Schutzgebühr bezahlt und dann ganze Altkleidersäcke zugeschickt bekommen. Ich dachte, das wäre wieder so was.
Er meinte dann, er wollte gleich noch mal Videotelefonie machen, zusammen mit einer Schneiderin, die dann gleich guckt welche Kollektion für mich am besten passt.

In den 10 Minuten, die er gebraucht hat um eine Schneiderin zu suchen, habe ich herausgefunden, dass er mit der Firma, auf deren Seite er mich verwiesen hat, gar nichts zu tun hat. Er rief dann per Videochat an. War selber nicht zu sehen, weil er wegen Datenschutzrechtlichen Gründen keine Kamera anhaben durfte und hat keine Schneiderin mehr gefunden, weil die alle schon im Feierabend waren. Aber ein Glück hatte er selber genug Erfahrung und konnte das auch alleine machen.

Nach der Begrüßung und Erklärung wollte er keine Schutzgebühr haben. Viel besser.

„Könnten sie bitte mal ihre Latzhose ausziehen, ich muss ihre Schenkel und ihr Hinterteil begutachten.“

„Ähm, sie haben schon mitbekommen, dass ich älter als 12 bin?“

„Zieren sie sich nicht so, ich muss die Figur sehen um die Kollektion anpassen zu können. Ansonsten können wir nicht zusammen arbeiten.“

„Sie sind sich schon im klaren, dass ich ihre Nummer weiter geben werde.“

„An ihrer Stelle würde ich aufpassen, das kann ganz schnell nach Hinten los gehen, weil ihnen aus Datenschutzrechtlichen Gründen untersagt ist meine Nummer zu privaten Zwecken zu nutzen.“

Das Ende vom Lied. Die richtigen Menschen haben sich brennend für diese Nummer interessiert und sich herzlich bei mir bedankt, dass ich sie weiter geleitet habe.

Ich glaube zwar nicht, dass erwachsene Frauen darauf reinfallen, aber ganz ehrlich, mit 13 wäre ich, bei dem Gedanken, coole Klamotten für Lau zu bekommen, so schnell nackig gewesen, so schnell hätte keiner gucken können. Und Naivität darf nicht so hart bestraft werden. Kleinen Mädchen denen sowas passiert, kann man nicht die Schuld geben.

Dann hatte ich ein paar Nachrichten von dieser Sorte.

Einer wollte auch getragene Unterwäsche von mir kaufen, ein anderer wollte das ich in weißen Leggins putze. Der letzte mit dem ich geredet habe, hat sich bei der Beschreibung meiner Hauswirtschaftlichen Tätigkeiten in Spanien, einen runtergeholt, hatte es zu spät gemerkt, danach war mir richtig schlecht. Und als ich noch im Bad stande und mit mit einem Wattestäbchen im Ohr rumgestochert habe, klingelte wieder das Telefon. Ich klang nicht höflich. Aber eine Frau war drann. Von der Ergo Versicherung. Ergo … ist ja ein Name. Da soll ich bestimmt keine Büros nacktputzen.

Aber ich war trotzdem Vorsichtig als ich dann am 1.Mai ein Vorstellungsgespräch hatte. Sie war da gerade eh im Büro und ich hatte auch Zeit.

Kurz, es ging um Berufsunfähigkeitsversicherung und Rentenzusatzversicherung die „beraten“ und „verkauft“ werden sollten. Für mich ist es ein Schneeballsystem für sie war es freie Mitarbeiterbetreuung. Ich habe ihr gesagt, dass ich nie, nie, nie Freunde und Verwande oder Kollegen auf eine Versicherung ansprechen würde um ihnen da eine Betatung bei einem Bierchen aufzudrücken. „Warum denn nicht?“ fragte sie mich mit großen Augen

„Weil ich Freunde hatte, die das bei mir versucht haben und die grüße ich heute noch nicht mal auf der Straße, weil ich sowas so wiederlich finde, dass ich im dicken Strahl kotzen könnte. Freundschaften ausnutzen um was aufzuschwätzen. Und dann noch so einen Schneeballmist. Na ich würde mich doch schämen wie ein Bettnässer. Kurz – ich war ganz schnell wieder Draußen. Wenn eine Versicherung so was nötig hat, ist es wohl nicht weit her damit.

Also … es bleibt spannend. Aber ehe werde ich nackt putzen als Freunden und Bekannten Versicherungen aufzudrücken.

(Wobei es immer noch ein Unterschied ist, ob Freunde zu mir kommen wenn ich in der Versicherungsbranche arbeite und ich die berate. Das ist was anderen. Ok.

 

2 Gedanken zu “Schmutzige Jobs

  1. Liebe Tanja,
    Ich musste mir gerade die lachtränen wegwischen und mein Gesicht neu ordnen das vom lachen ganz schief war. Ich war zwischendurch empört über die Antworten und geschockt was man mit Arbeitsuchende anstellt. Ich trage jetzt früh am Morgen zeitung aus und bin richtig froh dass ich meine Ruhe habe. Schon allein die Energien von Angst und wut der Kunden in der Luft hat mich völlig ausgelaugt. Ich wünsche dir, dass du einen Job findest der dich erfüllt. Und einen wundervollen Muttertag wünsch ich dir. Deine Ruth

    Gefällt 1 Person

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