Erwartungen

In vielen Schriften ist zu lesen, dass fast alles Elend durch Anhaftung oder Ablehnung kommt.

Anhaftung meint, an irgendwas zu hängen, nicht los lassen können oder ganz arg zu wollen und Ablehnung meint, irgendwas nicht zu wollen oder sogar Angst davor zu haben. Und je mehr man sich von diesen beiden Unarten lösen kann, desto näher ist man der absoluten Zufriedenheit und Glückseligkeit.

Nun vieles kann man üben, aber mit einigen Anhaftungen und Ablehnungen wird man sich arrangieren müssen. Zwar habe ich nicht wirklich Angst davor, dass irgendwann mal jemand kommt und mich hier vom Platz wirft, aber die Angst vor z.B. Schmerzen oder dem Verlust eines lieben Menschen wird bleiben.

Natürlich hafte ich nicht an vielen materiellen Dingen an, aber an meiner Freiheit und Ruhe und in meinen Albträumen sitze ich plötzlich hinter einem Schreibtisch oder auf dem Schuttplatz wird eine Goa Party gefeiert.

Und manchmal können einem falsche Erwartungen übel mitspielen und durch irgend einen Workshop wurde mir irgendwann mal klar gemacht – wenn ich sauer bin, dann darf ich als erstes nicht die Schuld bei dem suchen, der mich wütend gemacht hat, sondern muss einfach mal meine Erwartungshaltung überdenken.

Also mal das klassische Beispiel, Mann vergisst Hochzeitstag und Frau springt aus den Schuhen, ist total wütend, heult und ist enttäuscht.

Aber, der Mann kann ja gar nichts dafür. Die Frau erwartet, dass ihm der Tag genauso wichtig ist, weil sie oberflächlicherweiße den Wert ihre Beziehung an seinem Verhalten von diesem einem Tag zu messen scheint. Wegen ihren überzogenen, vollkommen egoistischen Erwartungen hat sie beiden einen ganzen Tag versaut.

Und da gehe ich sogar mit.

Ich schreibe ziemlich viele Briefe und bekomme selten welche zurück. Aber ich schreibe Briefe weil ich gerne welche schreibe und erwarte nicht alles 1:1 wieder zurück zu bekommen. Manchmal bekomme ich welche und freue mich dann. Aber Briefe schreiben gehört für mich zum bedingungslosen Handeln, was ziemlich gut fürs Karma ist. Die Einzige Erwartung die ich habe ist vielleicht die, dass sich jemand freut und nicht abgenervt ist, weil er glaubt jetzt auch einen Brief schreiben zu müssen.

Aber manchmal trägt das mit den „wenn du was erwartest, bist du selber Schuld“ komische Blüten.

Auf Arbeit habe ich z.B. mal mitbekommen, dass ein Typ, der nicht so lang dabei war wie ich, kinderlos und fast 7 Jahre jünger, eine fette Gehaltsanpassung bekommen, nachdem er eine Aufgabe in den Hintern geschoben bekommen hat, für die ich mich beworben hatte. Damit hatte er Einiges mehr als ich und ich fand das unfair. Nachdem ich meinen Unmut kund getan hatte meinte einer meiner Vorgesetzten „Was hast du, du hast vor fast 10 Jahren einen Arbeitsvertrag freiwillig unterschrieben, mit einem fest gesetzten Gehalt und wir sind nicht verpflichtet dir mehr zu bezahlen. Und trotzdem bekommst du inzwischen sogar mehr als in deinem Vertrag steht. Wenn du jetzt hier rum meckerst liegt das also nicht an uns sondern du hast die falschen Erwartungen.“

Bedauerlichwerweiße hatte man auch die Erwartungen, dass Angestellt 100% Leistung zu erbringen hätten. Tja – ich schätze wir waren beide gefickt durch unsere Erwartungen.

Nun gut, seither habe ich nicht mehr viel erwartet, bin doch ziemlich oft enttäuscht worden, habe mich aber immer schnell wieder eingekriegt, weil ich doch ziemlich Bescheiden war in meinen Erwartungen und da ich ziemlich gläubig bin, ja ich glaube man kann das so nennen, glaube ich auch fest dran, dass man schon immer das passende bekommt. Und damit liege ich richtig wenn ich mich hier so umgucke.

Allerdings hatte ich letztens eine Begegnung der dritten Art und musste das ganze Erwartungszeug nochmals überdenken.

Also – ich hatte eine Date, das erste seit – pfffff – ziemlich lange und er war schon ein paar mal in meinem Bauwagen, wusste Bescheid und ich wollte zu meinem ersten Übernachtungsbesuch starten.

Im Zug bekomme ich eine Nachricht, ich möchte doch bitte hoch auf den Parkplatz kommen, da es ihm zu kalt ist an den Gleisen zu warten. „Ok,“ dachte ich, „Ute hat mich immer an den Gleisen abgeholt, auch im Winter, aber na gut.“ Dann steh ich auf dem kalten Parkplatz Leipzig Messe im Dunkeln und stehe da. Bekomme aber einen Anruf, wo er mir erklärt, dass er sich bis 10 Minuten verspätet. „Nun gut, ist schon mal dumm beim ersten Date.“ denke ich. „Er hat halt ein schlechtes Zeitmanagement, aber es muss ja nichts bedeuten.“

Als er dann kommt steige ich ins Auto ein und er telefoniert die ganze Zeit. Anrufe die auch bis zum nächsten Tag hätten warten können und die obendrein auch noch unnötig in die Länge gezogen wurden. Da war ich dann schon leicht angesäuert. Dann beendet er das Gespräch und meinte „Hast du noch Hunger? Dann müssen wir nämlich noch mal Einkaufen gehen, ich hab nichts da.“ An dem Punkt hatte mein Verstand gesagt „Lass dich mal besser wieder zum Bahnhof fahren, aber ganz schnell.“ und ich habe mich gefragt ob ich einfach wieder zu hoch angesetzte Erwartungen hatte. Laut unserem letzen Telefonat hatte ich die. Weil ich nämlich eine Wessitussi bin, die einfach zu hohe Erwartungen hat.

Und am Ende habe ich mir gedacht. Ja ich habe Erwartungen. Und die darf ich haben. Ich erwarte keine Satainbettwäsche mit Rosenblüten. Ganz bestimmt nicht. Aber saubere Bettwäsche ohne Chipskrümel und Schmutzwäsche zwischen den Decken.

Und kein Typ muss wegen mir zur Maniküre und zum Kosmetiker und im Anzug daher kommen. Aber frisch geduscht und ein sauberes Shirt, dass ist doch nicht zuviel erwartet. Und ich darf, verdammt noch mal, ein Minimum an Aufmerksamkeit, Anerkennung und Respekt erwarten. Und das darf auch jeder von mir erwarten (auf dessen Bekanntschaft ich Wert lege).

Also wenn ihr auf 180, total traurig und enttäuscht seid, weil jemand eure Erwartungen nicht erfüllt, dann überlegt gut ob die Erwartungen zu hoch sind, aber wenn ihr zu dem Punkt kommt wo ihr nicht ohne Bauchweh von euren Erwartungen weg gehen könnt, dann kann auch niemand von euch erwarten das so hin zu nehmen. Weil kein Wesen so wenig Wert hat, dass er gar nichts erwarten darf.

Und jetzt wird es wieder buddhistisch. Es ist menschlich etwas zu erwarten. Aber an diesen Erwartungen sollte man nicht Anhaften. Also sollte man das, was die Erwartungen nicht erfüllt los lassen. Man darf nämlich nicht Erwarten, dass jemand sein Wesen umkrempelt, nur weil man damit nicht zurecht kommt. Man muss dann, ohne komplett in ein Loch zu fallen, los lassen können.

Dann ist man auch schon auf einem ziemlich guten Weg zur Zufriedenheit.

6 Gedanken zu “Erwartungen

  1. Hey, ich finde, dass es mal grundlegend wichtig ist, seine Erwartungen zu identifizieren. Überzogen sind sie dann nie, weil aus irgendeinem Grund sind sie so geworden. Und je nachdem möchte man die Erwartungen so lassen oder ändern. Klare Kommunikation der erkannten Erwartungen ist ebenso wichtig.

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